Frage: Meine gut 60-jährige Patientin hat ein HPV-16-assoziiertes Zungengrundkarzinom. Macht es Sinn, die (heute erwachsenen) Kinder zu impfen? Überträgerin war die Patientin schon lange, oder?Bereitet Ihnen ein bestimmter Fall aus Ihrer Praxis Kopfzerbrechen? Dann schreiben Sie uns. Wir suchen für Sie den passenden Experten, der Ihre Frage beantworten kann.

Antwort

HPV-Infektionen gehören zu den häufigsten sexuell übertragbaren Infektionen (STI). Zumeist handelt es sich dabei um transiente Infektionen, die nach ein bis zwei Jahren nicht mehr nachweisbar sind. Jedoch können HPV-Infektionen auch persistieren und über Krebsvorstufen zu Plattenepithelkarzinomen im Anogenitalbereich oder in der Mundhöhle und im Rachen führen.

In HPV-attributablen Karzinomen lässt sich mehrheitlich DNA des HR-Typs 16 – wie auch bei der in der Frage genannten Patientin – nachweisen; dieser HPV-Typ nimmt damit eine dominierende Rolle ein. Insgesamt erkranken in Deutschland jedes Jahr etwa 9.450 Männer und 5.700 Frauen neu an einem Tumor in der Mundhöhle oder im Rachen. Oropharynxkarzinome (Tumoren des Zungengrundes, der Tonsillen und des Oropharynx)sind besonders häufig durch eine persistierende HPV-Infektion bedingt. Zudem stellen Tabak- und Alkoholkonsum wesentliche Risikofaktoren für eine Krebserkrankung dar.

Da nicht bekannt ist, ob die Kinder bereits infiziert sind oder nicht, würde ich die erwachsenen Kinder impfen, wenn bei ihnen die HPV-Impfung im Kindesalter versäumt oder unvollständig durchgeführt wurde. Die STIKO schreibt in ihren aktuellen Empfehlungen hierzu: "Frauen und Männer (neu seit 2018), die älter als 17 Jahre sind und keine Impfung gegen HPV erhalten haben, können ebenfalls von einer Impfung gegen HPV profitieren, jedoch ist die Wirksamkeit der Impfung bei nicht HPV-naiven Personen reduziert. Es liegt in der ärztlichen Verantwortung, nach individueller Prüfung der Impfindikation PatientInnen auf der Basis der Impfstoffzulassung darauf hinzuweisen."

Aktuell stehen in Deutschland zwei verschiedene HPV-Impfstoffe zur Verfügung. Der Impfstoff Cervarix® ist ein zweivalenter Impfstoff gegen die HR-HPV-Typen 16 und 18 und ist zur Prävention von prämalignen anogenitalen Läsionen der Zervix, Vulva, Vagina und des Anus sowie von Zervix- und Analkarzinomen zugelassen. Der neunvalente Impfstoff Gardasil®9 schützt gegen die Typen 6, 11, 16, 18, 31, 33, 45, 52 und 58. Gardasil® 9 ist zur aktiven Immunisierung von Personen ab einem Alter von neun Jahren gegen Vorstufen maligner Läsionen und Karzinome, die die Zervix, Vulva, Vagina und den Anus betreffen, sowie gegen Genitalwarzen zugelassen. Auch wenn nicht in der Zulassung aufgeführt, kann davon ausgegangen werden, dass die Impfung auch vor HPV-bedingten Tumoren im Oropharyngealbereich – einschließlich Zungengrundkarzinomen – schützt.

Infektion unwahrscheinlich

Ich halte es für unwahrscheinlich, dass die genannte Patientin die Infektion auf ihre Kinder übertragen hat – die meisten Infektionen werden durch sehr enge (Sexual-) Kontakte übertragen. Die erwachsenen Kinder haben aber vermutlich Angst, ebenfalls an einem HPV-assoziieren Tumor zu erkranken. Deshalb würde ich den erwachsenen Kindern die Impfung anbieten. Schwerwiegende Nebenwirkungen sind bisher auch nach der Markteinführung nicht beobachtet worden: "Der vom RKI in Abstimmung mit der STIKO-AG HPV durchgeführte systematische Review zeigte keine schweren unerwünschten Ereignisse nach HPV-Impfung bei Jungen bzw. Männern in den Zulassungsstudien. Aus den zwischen 2006 bis 2017 akkumulierten Daten aus der Postmarketing-Surveillance bei Frauen lässt sich schlussfolgern, dass kein erhöhtes Risiko für schwere unerwünschte Ereignisse nach HPV-Impfung besteht."


Literatur:
1) Mitteilung der Ständigen Impfkommission beim Robert Koch-Institut (RKI) Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) beim Robert Koch-Institut – 2018/2019. Epidemiologisches Bulletin23. August 2018 / Nr. 34
2) Robert Koch-Institut: Wissenschaftliche Begründung für die Empfehlung der HPVImpfung für Jungen im Alter von 9 bis 14 Jahren .Epidemiologisches Bulletin Nr. 26, 28. Juni 2018
3) Ang KK, Harris J, Wheeler R, et al.: Human papillomavirus and survival of patients with oropharyngeal cancer. N Engl J Med 2010;363(1):24 – 35. doi: 10.1056/NEJMoa0912217
4) Carlander AF, Gronhoj Larsen C, Jensen DH, et al.: Continuing rise in oropharyngeal cancer in a high HPV prevalence area: A Danish population-based study from 2011 to 2014. Eur J Cancer 2017;70:75-82. doi: 10.1016/j.ejca.2016.10.015
5) Gillison ML, Alemany L, Snijders PJ, et al.: Human papillomavirus and diseases of the upper airway: head and neck cancer and respiratory papillomatosis. Vaccine 2012;30 (5):F34 – 54. doi: 10.1016/j.vaccine.2012.05.070
6) Harder T, Wichmann O, Klug SJ, et al.: Efficacy, effectiveness and safety of vaccination against human papillomavirus in males: a systematic review. BMC Medicine 2018
7) Herrero R, Castellsague X, Pawlita M, et al.: Human papillomavirus and oral cancer: the International Agency for Research on Cancer multicenter study. J Natl Cancer Inst 2003; 95(23):1772 – 83
8) Jansen L, Buttmann-Schweiger N, Listl S, et al.: Differences in incidence and survival of oral cavity and pharyngeal cancers between Germany and the United States depend on the HPV-association of the cancer site. Oral Oncol 2018;76:8 – 15. doi: 10.1016/j.oraloncology.2017.11.015
9) Kreimer AR, Bhatia RK, Messeguer AL, et al.: Oral human papillomavirus in healthy individuals: a systematic review of the literature. Sex Transm Dis 2010;37(6):386 – 91. doi: 10.1097/OLQ.0b013e3181c94a3b
10) Tinhofer I, Johrens K, Keilholz U, et al.: Contribution of human papilloma virus to the incidence of squamous cell carcinoma of the head and neck in a European population with high smoking prevalence. Eur J Cancer 2015;51(4):514 – 21. doi: 10.1016/j.ejca.2014.12.018
11) Viarisio D, Gissmann L, Tommasino M: Human papillomaviruses and carcinogenesis: well-established and novel models. Curr Opin Virol 2017;26:5 – -62. doi: 10.1016/j.coviro.2017.07.014


Autor:

Dr. Andreas H. Leischker, M.A.

Facharzt für Innere Medizin – Reisemedizin (DTG)
Alexianer Krefeld GmbH
47918 Krefeld

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2019; 41 (8) Seite 45