In Deutschland hoffen mehr als 10.000 schwer kranke Menschen auf die Transplantation eines Organs. Dies ist jedoch nur möglich, wenn Menschen bereit sind, ihre Organe nach dem Tod zu spenden. Laut Umfragen stehen die meisten Bundesbürger der Organspende positiv gegenüber. Aber nur etwa 35 % haben ihre Entscheidung in einem Organspendeausweis festgehalten. Und tatsächlich scheint die Spendenbereitschaft in den letzten Jahren eher zu sinken. Nun denkt die Politik darüber nach, wie die Zahl der Organspenden erhöht werden kann. Sandra Blumenthal, Ärztin in Weiterbildung zur Fachärztin für Allgemeinmedizin, hat sich darüber ebenfalls Gedanken gemacht. Wir stellen ihren Beitrag hier zur Diskussion.

Jens Spahn, der Bundesgesundheitsminister, hat ein weiteres Thema für sich entdeckt: die Organspende. Die Anzahl der Organspender in Deutschland hat 2017 einen traurigen Tiefpunkt erreicht. Je nachdem, ob man mit Gegnern oder Befürwortern der sogenannten "Widerspruchslösung" spricht, werden hierfür unterschiedliche Begründungen genannt.

Wird jeder zum Spender?

Bisher gilt in Deutschland bei der Organspende die erweiterte Zustimmungslösung: Man entscheidet sich zu Lebzeiten, nach dem eigenen (Hirn-) Tod seine Organe zur Verfügung zu stellen; hat man sich nicht entschieden, können nahe Angehörige dies tun. Es gibt eine gesetzliche Pflicht der Krankenkassen, Versicherte über 18 Jahre umfassend über das Thema zu informieren. Trotzdem gibt es in Deutschland weiterhin zu wenig Organe. Täglich sterben Menschen an Erkrankungen, die so schwer sind, dass nur das Organ eines anderen ihr Leben retten kann. Minister Spahn, Transplantationsmediziner und Delegierte des Deutschen Ärzte- und Hausärztetages plädieren daher für die Einführung der Widerspruchslösung. Bei dieser gilt jeder von uns a priori als Spender – es sei denn, man hat dem zu Lebzeiten widersprochen – oder die nahen Angehörigen tun dies im Fall des Todes.

Befürworter der Widerspruchslösung glauben, so den Pool an Spenderorganen in Deutschland zu erhöhen. In anderen europäischen Ländern wie Frankreich oder Österreich wird dies bereits praktiziert. Wird das bei uns funktionieren? Und wird es den Preis wert sein, dass wir aus einer freiwilligen Spende eine Abgabe machen, die der Staat voraussetzt?

Gründe für den Organmangel

Der Mikrobiologe Alexander Kekulé äußert in einem lesenswerten Beitrag in der ZEIT Zweifel an der Theorie, dass allein die fehlenden Organspendeausweise der Deutschen den Mangel an Organen in Deutschland bedingen. Die Probleme in der Transplantationsmedizin sieht er weniger in der fehlenden Spendenbereitschaft der Deutschen. Die Strukturen in den Krankenhäusern und die geringe Anzahl an Menschen, die überhaupt für die Entnahme von Organen infrage kommen, seien ebenfalls für die niedrigen Zahlen verantwortlich. Kekulé verweist darauf, dass es in Deutschland bisher wenig finanzielle und ideelle Anreize für Kliniken gab, einen Organspender zu melden. Durch blockierte Intensivbetten und Operationssäle sei es für einige Krankenhäuser sogar ein Minusgeschäft. Minister Spahn hat einen ersten Gesetzesentwurf vorgelegt, um diese Mängel anzugehen. Dieser Schritt ist lobenswert und längst überfällig. Brauchen wir die Widerspruchslösung dann noch?

Hausärzte können beraten
Hausärzte können eine Schlüsselrolle bei der Information zum Thema Organspende spielen. Wie eine Erhebung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) zur Organspende zeigt, genießen sie bei Patienten ein hohes Vertrauen und sind auch beim Thema Organ- und Gewebespende wichtige Ansprechpersonen. Um Hausärzte bei der Information ihrer Patienten zur Organ- und Gewebespende noch intensiver zu unterstützen, sind die BZgA und der Deutsche Hausärzteverband eine Kooperation eingegangen. Seit November 2018 wurden rund 30.000 niedergelassene Hausarztpraxen mit Informationsmaterialien zur Organ- und Gewebespende versorgt. Die kostenfreien Materialien zur Organspende können bestellt werden unter bzga.de -> Infomaterialien.

Protagonisten der deutschen Gesundheitspolitik und der ärztlichen Selbstverwaltung sind sich da sicher. Aber gehen in Deutschland jährlich Tausende von Spenderorganen verloren, weil der Ausweis fehlt? Bereits bei der erweiterten Zustimmungslösung können Angehörige für den Sterbenden entscheiden, dass die Organe freigegeben werden. In den USA, wo jeder zweite Bürger einen Spenderausweis besitzt, klagt man trotzdem über einen Mangel an Organen. Ist es wirklich die Schuld derer, die bisher keinen Ausweis haben, dass es nicht ausreichend Organe in Deutschland gibt – oder stehen nicht auch die Krankenhauskonzerne in der Verantwortung, die immer seltener bereit sind, ausreichend ärztliches und pflegerisches Personal vorzuhalten, damit Angehörige bei einem so komplexen Entscheidungsprozess wie der Freigabe von Organen suffizient begleitet werden können? Konzerne, die nach Beratung durch McKinsey und Co den Arbeitsalltag in Kliniken so organisiert haben, dass schon das Normale kaum noch zu bewältigen ist. Kekulé verweist darauf, dass 2017 die Hälfte der deutschen Entnahmekliniken keine einzige Meldung abgegeben habe. Mangelte es an Spendenbereitschaft, geeigneten Spendern oder vielleicht auch an Zeit für Gespräche, Meldungen und das aufwendige Prozedere?

Die Widerspruchslösung macht es nicht einfacher

Wie genau werden wir praktisch mit der Widerspruchslösung umgehen? Gibt es den Nicht-Organspendeausweis und die Pflicht der Krankenkassen, über eine Spende zu informieren, die unser Staat a priori voraussetzt? Werden auch die Bürgerinnen und Bürger mit niedriger Gesundheitskompetenz oder mit Sprachbarrieren in der Lage sein, ihre Interessen in einer hochemotionalen Situation auf der Intensivstation zu vertreten? Die psychischen Herausforderungen, die Angehörige von Organspendenden in einigen Fällen zu bewältigen haben, aber auch die, denen sich Empfänger von Organen nach der lebensnotwendigen Transplantation teilweise stellen müssen und die Vera Kalitzkus in ihrem sehr lesenswerten Buch "Dein Tod, mein Leben" skizziert hat, werden durch Einführung der Widerspruchslösung nicht einfacher.

Ist die Widerspruchslösung wirklich die einzige Antwort auf fehlende Spenderorgane – oder ist sie nur die einfachste?



Autorin:
Sandra Blumenthal

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2019; 41 (1) Seite 94-96