Organe sind in Deutschland Mangelware. Die Zahl der Organspender ist hierzulande im vergangenen Jahr weiter gesunken. Fast 1.000 Menschen, die auf ein Organ warteten, sind gestorben. Experten fordern, dass beim derzeitigen deutschen System für Organspenden dringend Korrekturen vorgenommen werden müssen, wie sie z. B. in den Niederlanden gerade erfolgt sind. Und Hausärzte könnten helfen, Patienten sachlich zu informieren und Ängste abzubauen.

Insgesamt 10.107 Patienten waren 2017 zur Transplantation gelistet. Allerdings wurden nur 3.383 Herzen, Lebern und Lungen, Pankreata, Dünndarm oder Nieren tatsächlich transplantiert. 939 Menschen starben in diesem Jahr, obwohl sie für ein oder mehrere Organe auf den Wartelisten standen, heißt es nach den jüngsten Erhebungen der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO).

Deutschland weit abgeschlagen

Um die deutsche Transplantationsmedizin ist es also mehr als schlecht bestellt: Mit nur 9,7 postmortalen Organspenden pro einer Million Einwohner belegt Deutschland im Vergleich der Mitgliedsländer von Eurotransplant die Schlussposition. Europäische Länder wie Großbritannien, Frankreich und Italien, die nicht Mitglied bei Eurotransplant sind, verzeichnen etwa dreimal so viele Spender wie Deutschland. International rangiert Deutschland nur auf Platz 30 hinter dem Iran und vor Rumänien, stellt Professor Dr. Paolo Fornara, Transplantationsmediziner und Mitglied der Ständigen Kommission Organtransplantation sowie der Prüfungs- und Überwachungskommission der Bundesärztekammer, in einem Brandbrief Ende Februar 2018 ernüchternd fest.

"Die jetzige Situation ist im Namen unserer Patienten nicht länger hinnehmbar", sagt Fornara. Für die Misere macht er nicht eine oft angeprangerte mangelnde Bereitschaft zur Organspende in der Bevölkerung verantwortlich. Tatsächlich hätte eine bundesweite Repräsentativbefragung der Bundesanstalt für gesundheitliche Aufklärung Mitte 2017 ergeben, dass 58 % der Befragten sich für Organ- und Gewebespenden entschieden und dies auch Familie oder Freunden mitgeteilt hätten. Nach der Umfrage stünden 81 % der Bevölkerung der Organ- und Gewebespende positiv gegenüber.

Unkoordinierte Vorgehensweise

Vielmehr fehle hierzulande eine Methodik, nach der jeder volljährige Bundesbürger zu Lebzeiten faktisch dokumentiert, was nach dem Tod mit seinen Organen geschehen soll, moniert Fornara. Dürfen sie als Spenderorgane zur Transplantation entnommen werden oder nicht? Zu dieser Frage wird in Deutschland seit fünf Jahren die sogenannte Entscheidungslösung praktiziert. "Die ist aber de facto nur eine Informationslösung. Das Infomaterial wird von allen Krankenkassen, die zugleich auch Kostenträger der Transplantationsmedizin sind, unkoordiniert und nach eigenem Gutdünken an ihre Versicherten versendet. Ob die ausführlichen Informationen aber ungelesen im Papierkorb landen oder ob sie zu einer klaren Entscheidung führen, bleibt unbekannt", kritisiert Fornara.

Ziel: Widerspruchslösung

Die sogenannte Entscheidungslösung hält Fornara für einen Systemfehler. Weltweit setze nur Deutschland auf diese Variante. Angesichts der miserablen Zahlen zur Organspende hierzulande regt der Transplantationsmediziner an, endlich ernsthaft über einen Wechsel zur Widerspruchslösung nachzudenken, auf die ein Großteil der westeuropäischen Länder schon lange setze.

Vor wenigen Wochen haben sich auch die Niederlande als 18. EU-Staat zur sogenannten Widerspruchslösung bekannt. Dort ist ab 2020 jeder volljährige Staatsbürger automatisch ein potenzieller Organspender. Das neue Gesetz sieht vor, alle Bürger schriftlich nach ihrer Bereitschaft zur Organspende zu befragen. Wer keine Einsprüche geltend macht, kommt als potenzieller Spender infrage. Dieser Status kann aber jederzeit geändert werden. Dabei berufen sich niederländische Parlamentarier vor allem auf gute Erfahrungen aus Spanien. Selbst in diesem tief katholischen Land gilt diese Lösung. Dort wurden 2017 mit 46,9 postmortalen Spendern pro einer Million Einwohner rund fünfmal mehr Spender als in Deutschland verzeichnet.

Mediziner bewerten die niederländische Gesetzesänderung weitgehend positiv. Dr. Theodor Windhorst, Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, spricht vom "konsequenten und richtigen Weg". Angesichts einer stetig sinkenden Bereitschaft zur Organspende sei dies eine "glänzende Bewegung und begrüßenswerte Entscheidung".

Im Osten mehr Spenden

Ein großer Vorteil der Widerspruchslösung ist nach Ansicht von Prof. Fornara, dass den Angehörigen die Entscheidungslast genommen wird, was der Verstorbene selbst gewollt hätte. Mit der Widerspruchslösung schaffe jeder zu Lebzeiten klare Verhältnisse. Gleichwohl würden auch bei der Widerspruchslösung nicht automatisch Organe entnommen. Zunächst werde mit den Angehörigen gesprochen, und deren Wille werde respektiert. Das Gespräch habe aber durch die Widerspruchslösung eine andere Grundlage.

In der ehemaligen DDR habe es die Widerspruchsregelung gegeben. Sie war in der "Verordnung über die Durchführung von Organtransplantationen" vom 4. Juli 1975 geregelt und wurde faktisch aufgehoben durch den Einigungsvertrag vom 31.08.1990. Dennoch ist die Spendenbereitschaft in den östlichen Bundesländern immer noch höher als im Westen.

Herztod oder Hirntod?

Zur Verbesserung des hiesigen Transplantationsgeschehens will Prof. Fornara auch einen Tabubruch wagen und fordert eine seriöse Diskussion zur Herztoddiagnostik. In Deutschland ist eine Organentnahme nur erlaubt, wenn zwei Ärzte unabhängig voneinander den Hirntod eines Patienten festgestellt haben. Bei herztoten Menschen wäre das nach deutschem Transplantationsgesetz illegal. Bei den Nachbarn in Österreich, der Schweiz, Belgien und den Niederlanden, aber auch in Spanien und weiteren Ländern ist die Dia-
gnose des Herztods dagegen als Bedingung für die Organentnahme seit Jahren akzeptiert. Wenn dort nach allen Reanimationsversuchen das EKG zehn Minuten lang nur eine Nulllinie anzeigt, gilt der Patient als tot. "Selbst wenn es zwischen diesen Ländern und Deutschland tatsächlich fundamentale medizinische, ethische oder rechtliche Unterschiede geben sollte, dann dürfen wir die Herztoddiagnostik pauschal nicht einfach ablehnen, sondern müssen konstruktiv darüber diskutieren", so Prof. Fornara.

"Organspende, und nicht zuletzt die Nierenlebendspende, braucht die gesellschaftliche Anerkennung und Würdigung, die ihr zusteht", sagt Prof. Fornara. Um den freien Fall der deutschen Transplantationsmedizin zu stoppen, hält er tiefgreifende, notfalls auch unbequeme Reformen für unabdingbar. Dazu bedürfe es jedoch eines ehrlichen gesundheitspolitischen Willens. Kleinere Schönheitsreparaturen und auch Schuldzuweisungen genügten nicht, um die Systemfehler bei der Organspende zu beheben. "Wir müssen aufhören, zu klagen, und eine sachliche und tabufreie Diskussion in der Gesellschaft über das gesamte System der Organspende zulassen", so der Transplantationsmediziner. Nur so könne man den Patienten gerecht werden und endlich längst überfällige Maßnahmen ergreifen, um den Anschluss an internationale Standards nicht vollends zu verlieren.

Mit Patienten über Organspende sprechen
Viele Menschen stehen der Organspende mit einem großen Misstrauen gegenüber. Oft wird befürchtet, ein Arzt würde eine Behandlung zu früh unterbrechen, um die Spenderorgane zu bekommen. Ärzte könnten hier gezielt Aufklärungsarbeit leisten und Patienten sachlich informieren und Ängste abbauen. Interessante Fragen, die dabei zur Sprache kommen können, sind z. B.:
  • Welche Organe können überhaupt gespendet werden? Hierzu zählen Herz, Lunge, Leber, Niere, Bauchspeicheldrüse sowie Dünndarm. Darüber hinaus sind auch Gewebespenden möglich wie Herzklappen, Haut, Augenhornhaut, Knochen, Knorpel, Sehnen und Blutgefäße.
  • Kann man seine Entscheidung für eine Organspende wieder rückgängig machen? Das geht jederzeit, da es in Deutschland kein Register gibt, in dem die Entscheidung gespeichert wird. Man muss einfach nur den Organspendeausweis vernichten.
  • Werden die Organe erst entnommen, wenn man auch wirklich tot ist? In Deutschland dürfen Organe nur entnommen werden, wenn zuvor der Hirntod, also der endgültige und nicht umkehrbare Ausfall der Funktion des Großhirns, zweifelsfrei von zwei Ärzten unabhängig voneinander nach genau festgelegten Richtlinien festgestellt wurde. Der Betroffene verspürt dann auch keine Schmerzen mehr bei der Organentnahme.
  • Bis zu welchem Alter kann man Organe spenden? Eine Altersobergrenze für die Organspende gibt es nicht. Ob ein Organ geeignet ist, wird im Einzelfall entschieden. Geprüft wird dabei der Zustand des Organs.
  • Wo kann man einen Organspendeausweis bekommen? Organspendeausweise kann man beim Arzt, bei den Krankenkassen, in der Apotheke oder bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung kostenlos erhalten.



Autor:
Dr. Ingolf Dürr nach Presseinformation der Deutschen Gesellschaft für Urologie; DocCheck-Newsletter März 2018

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2018; 40 (9) Seite 88-90