Meine 54-jährige adipöse Patientin (BMI: 41 kg/m2) hat seit vielen Jahren eine Hyperkalzämie zwischen 2,74 und 3,0 mmol/l, zuletzt 2,73 mmol/l. Zudem bestehen eine Hypertonie, ein insulinpflichtiger Diabetes mellitus, eine Hypothyreose nach subtotaler Strumaresektion und eine Hyperurikämie. Es liegt ein primärer Hyperparathyreoidismus vor. Die Patientin ist beschwerdefrei. Muss/sollte trotz Beschwerdefreiheit eine Therapie des Hyperparathyreoidismus erfolgen (Operation) oder kann weiter abgewartet werden?

Antwort: Grundsätzlich muss ein primärer Hyperparathyreoidismus (pHPT), welcher asymptomatisch ist, nicht unbedingt einer Operation zugeführt werden. Um dies aber bewerten zu können, müssen einige Faktoren erfüllt sein. So dürfen diese Patienten keine skelettalen, renalen, gastrointestinalen oder psychischen Symptome aufweisen.

Diese Aspekte müssen eingehend untersucht und definitiv ausgeschlossen werden. Der Serum-Kalziumspiegel sollte dabei stabil unter 2,85 mmol/l liegen.

Wenn diese Bedingungen gegeben sind, kann der natürliche Verlauf der Erkrankung abgewartet werden. Verlaufskontrollen (Serum-Kalzium, PTH-Spiegel, Kalziurie und Nierenfunktion sowie Knochendichte) müssen dann aber zweimal jährlich durchgeführt werden. Eine Kalziumreduktionsdiät soll nicht empfohlen werden. Dadurch würde die PTH-Sekretion noch weiter stimuliert.

Allerdings sollte man sich bei einem gesicherten pHPT, der asymptomatisch ist, insbesondere bei jüngeren Patienten (< 50. Lebensjahr) für eine operative Sanierung entscheiden. Denn viele Patienten mit einem sogenannten asymptomatischen primären Hyperparathyreoidismus profitieren von der Adenomresektion. Typische „Befindlichkeitsstörungen“ (wie Müdigkeit, Antriebsschwäche, Vergesslichkeit, Reizbarkeit, Lustlosigkeit) werden nämlich sehr häufig primär als solche nicht wahrgenommen und bessern sich postoperativ deutlich.

Die operative Sanierung auch eines normokalzämischen primären Hyperparathyreoidismus trägt darüber hinaus zu einer Verbesserung der metabolischen Situation (Parameter des Lipids und Zuckerstoffwechsels) bei.

Verschiedene Arbeiten, die eine erhöhte Mortalität bei nicht operierten Patienten mit einem primären Hyperparathyreoidismus aufzeigten, sollten ebenfalls dazu veranlassen, einen klar nachgewiesenen primären Hyperparathyreoidismus, insbesondere bei eindeutig vorliegendem bildgebenden Befund, einer operativen Sanierung zuzuführen.

Bei der in der Leserfrage dargestellten Befundkonstellation (insbesondere wegen des Alters der Patientin sowie der Hypertonie und des Diabetes mellitus) würde ich (sofern bildgebend das Adenom klar nachgewiesen ist) eindeutig für eine operative Sanierung des HPT votieren.



Prof. Dr. med. Ralf Lobmann, Stuttgart

Klinik für Endokrinologie, Diabetologie und Geriatrie
Klinikum Stuttgart – Bürgerhospital
70191 Stuttgart

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2014; 36 (6) Seite 62