Der Begriff Hörsturz wurde erst vor etwas mehr als einem halben Jahrhundert etabliert. Gerne wird er auch als "Herzinfarkt des Ohres" interpretiert und mit den modernen Lebensumständen, mit Lärm, Stress und Zeitdruck, in Beziehung gesetzt. Doch der Hörsturz ist keineswegs nur ein Gegenwartsphänomen. Beschreibungen der typischen Hörsturzsymptome reichen bis in die Antike. Und auch im Kloster war man davor nicht gefeit.

Der idiopathische Hörsturz ist eine plötzlich auftretende, meist einseitige Schallempfindungsschwerhörigkeit cochleärer Genese unterschiedlichen Schweregrades und Verlaufs, deren Ursache mit den Mitteln der klinischen Diagnostik derzeit nicht geklärt werden kann. Die Spontanremission ist genauso möglich wie die bleibende Ertaubung, Schwindel und Ohrgeräusche können in verschiedenen Konstellationen und Ausprägungsgraden damit assoziiert sein [1, 2]. Obwohl für den originären Hörsturz eine Handvoll organischer Ursachen (Mikroembolien, venöse Stase, Gefäßregulationsstörungen, Infektionen, immunologische Vorgänge, eine Störung der Ionenkanäle, hereditäre Faktoren) diskutiert werden [2], müssen differenzialdiagnostisch auch andere Erkrankungen bedacht werden, die unter dem Bild eines akuten Hörsturzes symptomatisch werden können (Tabelle 1).

Gab es früher etwa keinen Hörsturz?

Über angeborene Gehörlosigkeit und frühere Behandlungsansätze gibt es Beschreibungen, die bis in die Antike zurückreichen [9]. Der plötzliche Hörverlust war in Darstellungen der Neuzeit eher auf prominente Menschen fokussiert oder wurde bei gewöhnlichen Menschen gelegentlich auf Votivtafeln thematisiert [9]. 1736 beschreibt der damals 24-jährige Jean-Jacques Rousseau die Symptome eines Hörsturzes an sich selbst [3]: "Als ich eines Morgens, an dem es mir schlechter ging als sonst, eine kleine Tischplatte auf ihrem Fuße richtete, fühlte ich in meinem ganzen Leibe einen plötzlichen, fast unvorstellbaren Aufruhr … Dieser innere Lärm war so groß, dass er mir mein bisher gutes Gehör raubte und mich … so schwerhörig machte, wie ich es seither bin."

50 Jahre später wurde der Maler Francisco José de Goya Lucientes von Seh- und Hörausfällen, verbunden mit Gleichgewichtsstörungen und gelegentlicher Bewusstlosigkeit, befallen, wobei Tinnitus und Taubheit blieben [6]. Als mögliche Grunderkrankung werden Durchblutungsstörungen, Syphilis, aber auch eine Bleivergiftung diskutiert, weil Goya sehr sorglos mit dem neurotoxischen "Bleiweiß" [4] umgegangen sein soll. 1874 beschrieb der damals 50-jährige Komponist Bedřich Smetana die Symptome eines Hörsturzes mit Diplakusis und vestibulärer Beteiligung sehr genau: "Schon im vergangenen Juli … bemerkte ich, dass ich in einem Ohr die Töne der höheren Oktave anders gestimmt höre als im anderen Ohr, und … es traten Schwindelanfälle hinzu …" [6]. Wahrscheinlich entsprachen die Symptome einer Lues im Tertiärstadium, der er 10 Jahre nach dem Primäraffekt in geistiger Umnachtung 1984 erliegen sollte [7].

Noch auf die Zeit vor Rousseau, 1697, ist eine bildhaft dargestellte und bislang noch nicht publizierte, plötzliche Hörverlustbeschreibung datiert, die in der überregional bekannten Wallfahrtskirche Weihenlinden (Kreis Rosenheim) besichtigt werden kann. In zwei äußeren Arkadengängen werden mit zahlreichen, auf Putz gemalten Mirakelbildern [10] Wundertaten der Weihenlindener Muttergottes bezeugt. Darunter findet sich auch die Darstellung (Abb. 1) eines akuten Hörverlustes bei einem Ordensangehörigen, der auf sein rechtes Ohr zeigt. Die Heilung wird durch zwei helle Strahlen symbolisiert, die vom wolkenumgebenen Jesuskind auf dem Arm Marias ausgehen. In der Unterschrift dazu heißt es: "Der wohlehrwürdige Herr Leatus (Anm. d. Verf: nach [12] wahrscheinlich Laetus) Egger Gan.Reg. (Anm. d. Verf.: nach [12] richtiger Can. Reg.) in Wayern hat da(s) (Geher) soweit verloren so dash er reden nicht mehr vernehmen konnte ausher man schrie laut. Da er sein standhaft und volles Vertrauen an Maria setzte, ein gewisse Andacht bei der Gnadenmutter verrichtet, anbeides Tafel und Hochamt verlobt dann ihme das Geher nach seinem Verlangen gekomet. An(no) (1)697".

In einem für die Wallfahrer herausgegebenen Andachtsbüchlein von 1757 mit einer Sammlung von Weihenlindener Marienwundern [12] wird diese Krankengeschichte noch ergänzt. So heißt es hier: " … wendete zwar, aber umsonst, unterschidliche Mittel an… ihme das Gehör nach seinen Contento (Anm. d. Verf: Zufriedenheit) wenigist in so vil gekommen, daß der mit ihme redende nicht mehr so starck schreyen darf." Der Votant war ein Augustiner Chorherr (Ordenskürzel: CanReg) aus dem Kloster Weyarn, dessen Kleriker seit 1653 die Wallfahrtsseelsorge in Weihenlinden betreuten. Aufgrund des Bildes, der geschilderten Symptome und des Verlaufs kann vermutet werden, dass es sich um einen akuten Hörverlust des rechten Ohres gehandelt hat, bei dem es dann wohl zu einer spontanen Teilremission kam. Der ausgeprägte, alltagsrelevante Hörverlust muss den Betroffenen ziemlich belastet haben, denn sonst hätte er kaum dieses Mirakelbild und eine Messe gestiftet. Für die Vermutung eines durchgemachten Hörsturzes spricht neben dem plötzlichen Auftreten, dass weder von Ohrenschmerzen, Ohrenfluss, Fieber oder einer anderen otologischen Symptomatik berichtet wird, die mit den damaligen therapeutischen Optionen erfolgsversprechend hätte behandelt werden können.

Also doch nicht ganz neu

Trotz der gegenwärtigen Bedeutungszunahme des Symptoms "Hörsturz" kann davon ausgegangen werden, dass der Hörsturz oder weitere, unter diesem Begriff subsumierte Hörverlusterkrankungen (Tabelle 1) keine Entdeckungen der Gegenwartsmedizin sind. Mit tradierten Fallvignetten von Hörverlustereignissen früherer Zeiten und einer in der medizinischen Fachliteratur bislang noch nicht beschriebenen, illustrierten Mirakeldarstellung eines Hörsturzereignisses soll diese Vermutung untermauert werden.

Danksagung: Unser ganz besonderer Dank gilt dem Leiter des Stadtarchivs Nördlingen, Herrn Dr. Wilfried Sponsel, der freundlicherweise die Korrektur unserer Texttranskription zu dem beschriebenen Mirakelbild vornahm und uns wichtige ergänzende Angaben machen konnte.


Literatur:
1. Hörsturz (Akuter idiopathischer sensorineuraler Hörverlust) Registernummer 017 - 010 Klassifikation S1 Stand 01/2014, gültig bis 31.12.2016, derzeit in Überarbeitung, einsehbar unter: www. awmf. org/leitlinien (zuletzt eingesehen 18. 06. 2017)
2. Suckfüll M. Hörsturz – Erwägungen zur Pathophysiologie und Therapie.
Dtsch Arztebl Int 2009; 106(41): 669-75; DOI: 10.3238/arztebl.2009.0669
3. Yaşar, H I. (2000) Die Aussagekraft der Umfelddiagnostik bezüglich der sekundären Prävention beim Hörsturz. Med. Diss. Humbloldt-Universität Berlin
4. Pfister E, Böckelmann I, Darius S, Wurthmann C. Einbeziehung psychopathologischer Verfahren zur Objektivierung von neurotoxischen Früheffekten durch Blei und Lösemittelgemische. Fortschr Neurol Psychiatr 1999; 67(10): 435-440
5. Hamm H. (1983) Allgemeinmedizin. Ein kurzgefaßtes Lehrbuch. 3. Auflage Georg Thieme Verlag Stuttgart New York
6. Gerste RD. Des Satans Faustschläge oder: Vom Tinnitus berühmter Personen. Tinnitus-Forum 2004; 1
7. Feldmann H. Ähnliches Krankheitsbild bei Friedrich Smetana. Leserbriefbeitrag Deutsches Ärzteblatt 1999; 96 (46): A-2938-A-2940
8. Sütterlin S. (2017) http://www.berlin institut.org/ institut.org/ publikationen/studien/hohes_alter_aber_nicht_fuer_alle.html (zuletzt eingesehen 01. 07. 2017)
9. Brosch S, Pirsig W. Gehörlosigkeit im kulturgeschichtlichen Kontext. HNO 2003; 51: 25-29 [Teil 1] und HNO 2003; 51: 113-117 [Teil 2]
10. Kriss-Rettenbeck L. (1972) Ex voto. Zeichen, Bild und Abbild im christlichen Votivbrauchtum. Atlantis Verlag Zürich
11. Greuel H. (1996) Das Zeitalter des Hörsturzes. Risiken-Gefahren-Ursache-Vorbeugung-Chance-Heilung. VDG Verlag Düsseldorf
12. Ursprung-Wunder-Bett-Buch/In dem, Closter Weyarn einverleibten, Marianischen Gnaden-Ort Weichenlinden Bey dem heiligen Bronn. 1757 Tegernsee


Autoren:

Dr. med. Fritz Meyer und Elisabeth Meyer

Dr. med. Fritz Meyer
Facharzt für Allgemeinmedizin, Sportmedizin, Ernährungsmedizin (KÄB), Facharzt für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde
Elisabeth Meyer
M. Sc. (Psychologie) 86732Oettingen/Bayern

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (16) Seite 116-118