Ist es Ihnen schon aufgefallen: Beim Small Talk, auch mit bislang völlig unbekannten Menschen, rangiert das Thema "Krankheiten" oft ganz oben in der Hitliste.

Es scheint ein Grundbedürfnis von Menschen zu sein, die Eigentümlichkeiten, Anforderungen und Mängel des eigenen Körpers der Welt mitzuteilen, und zwar jeder Zufallsbekanntschaft, die auch nur ansatzweise Bereitschaft zum Zuhören signalisiert. Es gibt allerdings noch ein – sagen wir mal verwandtes – Thema, das noch mehr Anhänger vorweisen kann: die Unzulänglichkeiten des Medizinbetriebs, im Besonderen der behandelnden Ärzte.

So kann ein auf den ersten Blick harmlos anmutender Satz wie "Mein Knie schmerzt irgendwie seit der letzten Radtour" Gesprächsstoff für die nächsten Stunden liefern. Ein jüngst erlebtes Beispiel: "Ist bestimmt Arthrose, ich hatte das auch, aber in der Schulter, die wurde dann operiert. Aber jetzt hab ich was Neues, am rechten Mittelfinger, der schnappt immer so komisch ins Gelenk am Morgen, tut nicht groß weh, man sieht auch nix, aber das muss ich unbedingt mal nachschauen lassen. Aber man bekommt ja kaum einen Termin beim Orthopäden. In vier Wochen erst sollte es sein. Aber nicht mit mir. Zum Glück arbeitet eine Bekannte von mir dort als Helferin, jetzt hab ich einen Termin in einer Woche", verkündete die schnapp-gebeutelte reifere Dame stolz. Dann folgte – wie nicht anders erwartet – die Ärzteschelte: "Stellen Sie sich vor: Letztes Mal hab ich doch glatt zwei Stunden warten müssen. Dabei hab ich genau gesehen, dass immer wieder Patienten, die später eintrafen, vor mir drankamen. Das waren bestimmt Privatpatienten. Eine Unverschämtheit, so eine Zweiklassenmedizin. Aber nicht mit mir. Ich hab mich gleich mal beschwert und den Helferinnen gründlich meine Meinung gesagt." Auf meinen zaghaften Einwand, ihre Vormogelei beim Orthopädentermin sei doch eigentlich auch eine solche ungerechtfertigte Ungleichbehandlung, wie sie sie gerade angeprangert hat, herrschte erst mal irritiertes Schweigen, gefolgt von dem Einwand: "Ja, aber an mir verdient der Arzt ja nicht so viel, an den Privatpatienten aber schon."

"Und überhaupt war der total unfreundlich, grob und inkompetent. Ich hatte unerträgliche Rückenschmerzen. Aber der meinte nur: Sie sind doch jung und schlank und machen regelmäßig Sport. Beste Voraussetzungen, dass das bald besser wird. So eine Frechheit, der hat überhaupt nix gemacht, aber nicht mit mir, da bin ich nie wieder hin." "Und die Rückenschmerzen?", fragte ich nach. "Ach, die sind von allein weggegangen, ich mach ja zum Glück viel Sport."

"Aber der letzte Orthopäde, der meine Schulter operiert hat, der war echt toll, ist tipptopp geworden." War das jetzt etwa der Versuch einer Rehabilitierung der ansonsten geldgierigen und unfreundlichen Orthopädenzunft? "Haben Sie ihm das denn auch mal gesagt?", wollte ich wissen. "Ne, nicht wirklich, ich hab’s ihm eigentlich schlecht gedankt. Nach dem Aufwachen aus der Narkose hab‘ ich ihm auf die Hose gekotzt. Aber er ist selbst schuld, ich hatte ihn ja vorher gewarnt. Ja, und hinterher hab ich ihn dann nicht mehr gesehen."

Vermutlich hatte der Kollege auch kein gesteigertes Interesse an dem Wiedersehen mit einer solchen Patientin, vermutet

Vera Seifert
Redaktion der Allgemeinarzt



Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (4) Seite 26