In manchen Arztpraxen ist auch die Ehefrau oder Lebenspartnerin beschäftigt. Sie möchte z. B. nach einer Elternzeit wieder zurück ins Arbeitsleben oder unabhängig davon ihrem Mann im Praxisbetrieb helfen. Ihr Tätigkeitsfeld umfasst häufig Verwaltungsarbeiten oder die Arbeit am Empfang, nicht selten ist sie teilzeitbeschäftigt. Da sie für ihre Arbeiten entlohnt wird, geht das Gehalt wieder in die Familie zurück – ein unschätzbarer Vorteil. Doch der Einstieg in die Praxis als Lebenspartnerin ist eine große Herausforderung, die nicht nur Vorteile mit sich bringt. Wie gliedert man sich am besten in den Praxisalltag der neuen Kollegen ein?

Die Voraussetzungen

Voraussetzung ist, dass die Partnerin selbst ein lebendiges Interesse hat, mitzuhelfen. Dabei kann es passieren, dass sich dadurch einige Familienrituale und persönliche Gewohnheiten ändern. Wenn Wohnung und Praxis im gleichen Haus oder dicht zusammenliegen, ist die Umstellung nicht so einfach; Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen verdient Respekt.

Beide – Arzt und Partnerin – müssen damit rechnen, dass Praxis und Privates in einem gewissen Rahmen miteinander verschmelzen. Der Praxisbetrieb wird auch nach Feierabend zu Hause noch ein Thema sein, wenn die Lebenspartnerin mitarbeitet. Die strikte Trennung ist nur selten Realität, Abschalten kann zum Problem werden.

Problematisch wird es, wenn der "Arztpartner" gerne selbst mehr "Arzt" sein will als "Partner". Die Lebenspartnerin mischt jetzt mit, das darf der Arzt nicht als Einschränkung seiner "Alleinherrschaft" betrachten. Ist der Arzt in einer Gemeinschaftspraxis, gibt es noch eine zusätzliche Hürde: Die Praxis-Partner müssen mit dem Einstieg einverstanden sein. Ein klar definiertes Anforderungsprofil ist immer gut und grenzt den Verantwortungsbereich ab.

Kasten 1: Bevor es losgeht
  1. Klären Sie vorab die Kompetenzbereiche und halten Sie sich daran.
  2. Schaffen Sie eindeutige Grenzen zwischen Privatleben und Arztpraxis.
  3. Vereinbaren Sie feste Arbeitszeiten, Ausnahmen dürfen nicht zur Regel werden.
  4. Planen Sie die Einarbeitungszeit mit einer Person aus dem Team.


Arztpraxen, in denen er und sie verständnisvoll zusammenarbeiten, entwickeln sich häufig positiv. Kommt es in der Personalführung zu Diskussionen, kann die Lebenspartnerin z. B.ausgleichend wirken: Ist ihr Mann streng und autoritär, könnte sie dies teilweise durch Anerkennung und persönliche Beziehungen zum Personal kompensieren. Das Ehepaar muss sich jedoch in den wesentlichen Punkten des Praxismanagements einig sein, Differenzen verwirren das Team. Mitarbeiter sollten sich neutral verhalten, sollten wenn möglich nicht Partei ergreifen, wenn es zu Unstimmigkeiten kommen sollte.

Die ersten Tage

Wenn der Arzt aufgrund seiner Erwartungshaltung in den ersten Tagen schon Zweifel hat, ob seine Frau überhaupt geeignet ist, dann hätte er sich nicht dafür entscheiden dürfen. Vorschnelle Gedanken über ihren möglichen Rückzug blockieren die Einarbeitung. Neu ist der Gedanke der "Schnuppertage", an denen sich die Lebenspartnerin erst mal mit der Praxis vertraut macht. Das nimmt den Druck heraus, denn sie kann in dieser Zeit noch entscheiden, ob sie den Einstieg wirklich vornehmen will.

Wie vermutlich jede neue Mitarbeiterin ist auch die Ehepartnerin voller Hoffnungen und Erwartungen an das Arbeitsteam und die Patienten. Doch wird sie vermutlich nicht unbedingt als gleichrangige Kollegin betrachtet, auch wenn die Beziehungen zu den Teammitgliedern sehr gut sind. Sind ihr die Mitarbeiterinnen unterstellt? Kann sie ohne Weiteres Anweisungen geben? Wie soll sich die MFA am besten verhalten? Ist viel Arbeit vorhanden, dann warten alle mit Spannung und Freude auf den Ehepartner als Unterstützung. Andererseits befürchten sie aber vielleicht auch eine Einmischung und die Kontrolle ihrer eigenen Tätigkeiten. Nimmt die Lebenspartnerin ihnen die Arbeit weg? Kommt es etwa zur Entlassung einer Kollegin? Darüber muss der Praxisinhaber schon vor Arbeitsantritt mit dem Personal sprechen. Anfängliche Fremdheit und die Unsicherheit auf beiden Seiten sind ein normaler Vorgang. Erwartungen und eine gewisse Anspannung sind ganz typisch und betreffen alle.

Sie braucht eine Ansprechpartnerin für Fragen der täglichen Arbeitssituation. Eigene Erwartungen an ein hohes Arbeitstempo sind erst nach einer Einarbeitung möglich. Keinesfalls soll sie sich von Anfang an als Perfektionistin verpflichtet fühlen. Es gibt Menschen, die sich durch einen Zwang zum Perfektionismus schwertun, sie sind mit dem Arbeitsergebnis von 99 % nicht zufrieden, ihr Ziel sind 120 %. Typische Gedanken eines Perfektionisten: "Ich darf mir keine Fehler leisten, ich bin das Vorbild fürs Team und muss perfekt sein." Oder: "Ich muss meinem Mann und den Patienten gegenüber immer mein Bestes geben." Nicht nur die Wertschätzung anderer ist wichtig, sondern auch das eigene Gefühl, alles perfekt zu machen. In dieser speziellen Situation als neue Mitarbeiterin kommt es bei den neuen Kolleginnen jedoch viel besser an, wenn sie Perfektionismus vermeidet und in der ersten Zeit um Unterstützung bittet.

Die Einflussnahme

Vermutlich hat die Lebenspartnerin das Bedürfnis, sich schnell in die soziale Situation der Praxis einzuleben. Sie legt wahrscheinlich Wert auf Akzeptanz und betrachtet sich als Teil des Teams. Aber – soll sie eingreifen, wenn sie Fehlverhalten des Personals feststellt? Zum Beispiel: Mitarbeiterinnen nutzen während der Arbeitszeit das Handy privat ohne Wissen des Chefs, oder es kommt in einer ruhigen Zeit zu intensiven Privatgesprächen zwischen Kolleginnen.

Kasten 2: Erwartungen des Personals an die Partnerin des Chefs
  • Sie hat ein kollegiales Verhalten, tritt nicht als "zweite" Chefin auf.
  • Sie greift nicht in unsere Kompetenzen ein.
  • Sie fühlt sich als Teil des Teams und nimmt keine Sonderstellung ein.
  • Sie vermittelt uns Anerkennung und Wertschätzung.
  • Sie hat eine ausgeprägte Sozialkompetenz und Einfühlungsvermögen.
  • Sie kommuniziert offen und weckt Vertrauen.

Wie soll die neu eingestiegene Partnerin reagieren? Dem Personal ist bewusst, dass ein solches Verhalten dem Chef berichtet werden könnte. Sie hört auch mit, wie sich das Personal am Telefon zu Patienten verhält. Durch den Einstieg der Lebenspartnerin wird das Praxismanagement auf den Prüfstand gestellt, es kann zu Änderungen kommen, die sinnvoll sind, aber zunächst zu Unruhe im Team führen können. Die Lebenspartnerin kann als "zweiter" Chef oder Kontrollorgan gesehen werden, auch, wenn ihr das nicht bewusst ist und sie dies nicht beabsichtigt. Insgesamt ergibt sich für die Praxis die Chance, Veränderungen einzuleiten.

So kann der Arzt auch Erkenntnisse seiner Frau für die Praxis nutzen. Nach einiger Zeit wird sie vielleicht Ideen einbringen, was sich rationalisieren oder ändern lässt. Für sie heißt es zunächst, den Status quo zu akzeptieren, denn wenn sie gleich auf Veränderungen aus ist, zieht sie sich den Unwillen des Personals zu.



Autor:

Rolf Leicher

Dipl.- Betriebswirt, Fachautor und Referent
69118 Heidelberg



Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2019; 41 (11) Seite 60-62