In Giuseppe di Tomasi Lampedusas Roman "Der Leopard", der im Italien des Risorgimento mit seinen ungeheuren Umwälzungen spielt, erkennt Fürst Salina: "Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, dann ist es nötig, dass sich alles verändert."

Wir werden vieles verändern müssen, was wir erhalten wollen. Die größte Veränderung ist die Digitalisierung: dieser alles verändernde Innovationsschub, der von immer schnelleren Datennetzen und selbstlernenden Algorithmen rasant vorangetrieben wird und auch vor der Medizin und den niedergelassenen Ärzten nicht Halt macht. Gerade weil die medizinische Profession so nahe am Menschen ist, erfahren wir die Veränderungen in diesem Bereich am intensivsten.

Was neue Technologien leisten können, lässt sich an aktuellen Forschungserfolgen der Technischen Universität München (TUM) ablesen: Fortschritte bei bildgebenden Verfahren erlauben es, Krebs noch früher zu erkennen. Radiochemiker und Onkologen entwickeln schonende hochempfindliche Diagnostika und Therapieansätze. Wirtschaftswissenschaftler und Informatiker arbeiten an sicheren Datennetzen für die Patientenbetreuung zu Hause.

Gleichzeitig müssen wir Antworten auf die immerwährende Frage geben: Was geschieht bei der Behandlung mit mir? Werde ich gut versorgt? Wie geht es mit mir weiter? Die TUM muss auch hier Vordenker für entsprechende Antworten sein. Wir müssen die wissenschaftlich-technischen Möglichkeiten in Bezug setzen zu hohen ethischen Standards und zum Auftrag des humanitären Miteinanders. So forschen wir heute schon mit Big-Data-Technologien, um mit immensen Datenmengen aus bildgebenden Verfahren Krankheitsverläufe, Prävention, Diagnostik und Therapie z. B. bei Schlaganfällen besser zu verstehen. Wir haben unser Fächerspektrum erweitert, um die ethisch-politischen Implikationen technischer Entwicklungen aufzugreifen. Dazu tragen etwa unsere Professur für Geschichte und Ethik in der Medizin, aber auch der Stiftungslehrstuhl für Sozialpädiatrie bei. In der Hochschule für Politik München an der TUM gehen wir den Fragen der politischen Folgen des technologischen Wandels nach, was natürlich die Medizin umfasst. Denn eine zeitgemäße Technische Universität erforscht nicht nur technische Innovationen, als Dienerin der Gesellschaft ist sie vielmehr dem Menschen zugewandt. Modernste Technik hat dabei die Schlüsselfunktion. Ohne sie werden wir Krankheiten wie Krebs, Diabetes und Alzheimer nie begegnen können.

Was wir erforschen und entwickeln und wie die medizinische Profession mit dem digitalen Wandel umgeht, findet über die ärztliche Ausbildung, über Fachpublikationen und über die Arbeit an unserem Universitätsklinikum rechts der Isar sowie an unserem Deutschen Herzzentrum München den Weg in die klinische Praxis. Und darüber hinaus auch in die Arbeit der Hausärzte – ganz im Sinne der ars medicina.



Autor:

Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Wolfgang A. Herrmann

Präsident der Technischen Universität München (TUM)

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (11) Seite 3