Die medizinische Versorgung der Bevölkerung findet zum allergrößten Teil in der ambulanten Primärversorgung – beim Hausarzt – statt [1]. Im Kontrast dazu erleben Medizinstudierende in ihrer Ausbildung eher die Sicht der stationären Maximalversorgung. Darüber hinaus prägt die spezialisierte Ausbildung oftmals den Karrierewunsch Studierender. Aktuell ist Allgemeinmedizin nur für einen kleinen Teil (4,7 – 7 %) der Studierenden die primär angestrebte Weiterbildung [2, 3], für ein Drittel der Studierenden kommt aber Allgemeinmedizin als alternative Berufsperspektive durchaus infrage [4], Rollenmodelle, positive Lehrerfahrungen [2, 5–8] und ein allgemeinmedizinisch ausgerichtetes Curriculum [9–12] können die Karriereentscheidung von Medizinstudierenden beeinflussen.

Derzeit werden an den 37 deutschen medizinischen Fakultäten 10 Modellstudiengänge angeboten [19]. An der Charité Universitätsmedizin Berlin wurde zum Wintersemester 2010 der Modellstudiengang (MSM) eingeführt und für über 600 Studierende pro Jahr umgesetzt. Der Modellstudiengang gliedert sich in 10 Semester und 40 drei- bis vierwöchige Module, die fächerübergreifend Themen vermitteln. Die Verzahnung von Vorklinik und Klinik war für die Entwicklung des Curriculums zielgebend. Modulübergreifend finden Problemorientiertes Lernen (POL) und ein Kommunikationstraining in Kleingruppen (Kommunikation, Interaktion, Teamwork: KIT) statt. In 19 von insgesamt 40 Modulen konnten allgemeinmedizinische Lerninhalte und Lehrveranstaltungen verankert werden.

Das hausärztliche diagnostische Vorgehen lehren

Viele Themen unter Beteiligung der Allgemeinmedizin werden interdisziplinär unterrichtet: In gemeinsamen Vorlesungen z. B. zur Herzinsuffizienz (mit der Kardiologie), zu Kopfschmerzen (mit der Neurologie) und zum Husten (mit der Pneumologie) können das hausärztliche Vorgehen bei unselektierten Patienten und die Schnittstellen zur spezialisierten Diagnostik ergänzend dargestellt werden.

Einige Inhalte können wir in rein allgemeinmedizinischen Vorlesungen oder Seminaren vorstellen, so z. B. die Früherkennung psychischer Erkrankungen und die Langzeitbetreuung chronisch Kranker durch den Hausarzt. Auch das hausärztliche diagnostische Vorgehen mit Abwartendem Offenlassen und abwendbar gefährlichen Verläufen wurde exemplarisch in diese Veranstaltungen integriert. Da in der Pflichtlehre leider die ärztliche Niederlassung nicht als Lerninhalt berücksichtigt ist, führt das Institut regelmäßig eine außercurriculäre ergänzende Veranstaltung durch, die von den Studierenden gut angenommen wird.

Einblick in die hausärztliche Tätigkeit geben

Insgesamt sind die allgemeinmedizinischen Lehrveranstaltungen gut bis sehr gut evaluiert, wobei insbesondere der Praxisbezug, die Interaktivität und das Engagement der Dozierenden hervorgehoben wird.

Im Vergleich zur allgemeinmedizinischen Lehre im Regelstudiengang Medizin der Charité ist das allgemeinmedizinische Curriculum im Modellstudiengang umfangreicher und früher im Studienverlauf präsent. Viele Themen können über die Semester hinweg aus hausärztlicher Sicht vertiefend dargestellt werden. Dadurch ergibt sich die Chance, das Studium inhaltlich stärker durch die allgemeinmedizinische Perspektive zu prägen und damit für das spätere Berufsbild zu interessieren. Durch die vielen Einzelveranstaltungen ergibt sich ein häufiger Kontakt zu den Studierenden über das gesamte Studium hinweg. Von den Studierenden wird auch berichtet, wie bedeutsam der Kontakt zu praktizierenden Hausärzten im 10. Semester ist, der im Rahmen des Blockpraktikums angeboten wird. Es ist bekannt, dass nicht allein der Umfang der Lehre, sondern auch die Qualität der Lehre Studierende in ihrer Berufswahl beeinflusst [5, 6, 12, 20].

Die Autoren postulieren, dass ein longitudinales und vielseitiges allgemeinmedizinisches Curriculum mit praxisnahem und interaktivem Unterricht den Studierenden einen guten und positiven Einblick in eine mögliche spätere Hausarzttätigkeit geben kann.



Autor:

Prof. Dr. med. Christoph Heintze


Dr. med. Gudrun Bayer, Dr. med. Sabine Gehrke-Beck
Institut für Allgemeinmedizin, Universitätsmedizin Charité
10117 Berlin

Interessenkonflikte: Die Autoren haben keine angegeben


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2018; 40 (9) Seite 24-26