Der Henker war früher ein gefürchteter und zugleich verachteter Mann und wurde von allen gemieden. Doch bei bestimmten Erkrankungen vergaßen die Menschen ihre Abneigung, klopften an die Tür des Henkers und baten um Hilfe. Wie kam es, dass die Henker bis ins 19. Jahrhundert als Heiler sehr gefragt waren und damit Ärzte und Apotheker verärgerten?

Im 13. Jahrhundert kam es in den meisten Ländern zu einer Trennung von Rechtsprechung und Strafvollzug. Für Letzteres stellten die Städte einen Scharfrichter ein, einen Mann, "der mit der Schärfe des Schwertes richtet". Später setzt sich der Name "Henker" durch, abgeleitet von "Henken", dem Ausdruck für "Hinrichtung". Von Anfang an gehörten Scharfrichter zu den "unehrlichen Leuten". Als "Ehrlichkeit" verstand man im Mittelalter und der frühen Neuzeit die Unbescholtenheit des Rufes (Leumund), die persönliche Ehre. Sie war für die soziale Stellung, das ständische Ansehen von größter Bedeutung. Dagegen bedeutete "unehrlich" zu sein, aus der Gesellschaft ausgestoßen und von allen gemieden zu werden. Mit ihnen wollte niemand etwas zu tun haben. So wurden Henker nicht in Zünfte aufgenommen, hatten keinen Zutritt zu Wirtshäusern. Die Berührung eines Henkers führte bei ehrlichen Leuten zur "Befleckung", also zur Unehrlichkeit. Interessant ist, dass dies nicht galt, wenn der Henker wegen einer medizinischen Behandlung aufgesucht wurde.

Wie wurde der Henker zum Heiler?

Im Mittelalter wurden die meisten Henker schlecht bezahlt und lebten in ärmlichen Verhältnissen. Deshalb war der Scharfrichter auf Nebeneinkünfte angewiesen: Er beaufsichtigte die Bordelle, reinigte die Kloaken, bestattete Selbstmörder, tötete streunende Hunde, vertrieb die Aussätzigen aus der Stadt und war als Abdecker tätig. Die Kadaver verendeter Tiere durfte er verwerten (z. B. die Haut). So gewannen die Henker Hundefett, das als Salbe für entzündete Gelenke bei Mensch und Pferd angewendet wurde. Doch die meisten Einkünfte erzielten die Scharfrichter durch ihre Tätigkeit als Heiler! Wie kam es dazu?

Die Tätigkeit des Henkers bestand im Foltern und Hinrichten. Die Folter diente zur Erpressung von Geständnissen, wobei der Henker darauf achten musste, dass beim "peinlichen Verhör" keine tödlichen Verletzungen entstanden. Nach der Folter musste der Henker die "Schäden" beim "Geschundenen" behandeln, um ihn für die nächste Folter oder die Gerichtsverhandlung "fit" zu machen. Das waren in der Regel Wunden, Verletzungen, Verbrennungen, Prellungen, Verrenkungen und Knochenbrüche. So erwarben sich die Henker im Laufe der Zeit umfassende Kenntnisse auf den Gebieten der Anatomie des Menschen und der Wundbehandlung.

Der Henker als "Pathologe"

In einigen Städten durften die Henker sogar die Hingerichteten sezieren, was den Ärzten verboten war. So gestattete der Nürnberger Rat, dem seit 1578 tätigen Henker Franz Schmidt "… den enthaupteten cörper zu schneiden und, was ime zu seiner arznei dienstlich, davon zu nehmen …". Damit kannten viele Henker auch das Körperinnere des Menschen, die Form und Lage der inneren Organe und waren so studierten Ärzten auch auf dem Gebiet der inneren Medizin überlegen.

Da Henker bis in die Neuzeit als Ärzte und zum Teil auch als Apotheker tätig waren, führten sie bisweilen die Asklepios-Schlange im Wappen. So stellten manche Henker eigene Medikamente her und verkauften sie an ihre Patienten. Die medizinische und pharmazeutische Tätigkeit der Henker wurde von der Obrigkeit offiziell anerkannt. Viele Henker nahmen auch kleine chirurgische Eingriffe vor. Unter den Patienten des Henkers waren nicht nur arme Leute, sondern auch Bauern und deren Knechte, Handwerksmeister, Akademiker, Geistliche und Ratsherren zu finden. Und was die Behandlungskosten anging, so verlangte der Henker nur einen Bruchteil des Honorars, das ein studierter Arzt für eine Konsultation nahm.

Ständiger Streit mit Ärzten und Apothekern

Es ist einleuchtend, dass die Tätigkeit der Henker den studierten Ärzten und Apothekern ein ständiger Dorn im Auge war. Denn die Medici beanspruchten das Monopol der Medizin für sich, und die Herstellung und Abgabe von Arzneimitteln war alleinige Aufgabe der Pharmazeuten. Ärzte und Apotheker versuchten immer wieder, ihre Mitmenschen von der fachlichen Inkompetenz der Henker zu überzeugen. Doch ohne Erfolg!

Es existiert eine Vielzahl von Dokumenten, die die jahrhundertelangen Differenzen zwischen den Berufsgruppen belegen. So beschwert sich der Peiner Arzt Dr. Loges 1708 in einer Schrift wider den Aberglauben in der Medizin: "Da laufft und schickt man offt weit nach dieser oder jener Segenssprecherin, Scharfrichterin, einem Pferde-, Kühe- oder Schweinearzt."

Doch noch 1710 kuriert der Henker Curd Albrecht Dreyfing in Königslutter mit Genehmigung der Obrigkeit. Als er im gleichen Jahr stirbt, folgt seinem Sarg "ein über alles großes Gefolge sowohl von Einheimischen, alß auch von denen Dorffschaften", was er seiner großen Beliebtheit als Heiler zu verdanken hat. Wie hart die Auseinandersetzung geführt wird, zeigt ein Brief des Chirurgen Christian Ernst Vogel in Königslutter an Herzog August-Wilhelm. Nachdem der Chirurg auf seine Verdienste als Militärarzt hingewiesen hat, bemerkt er voller Bitterkeit "… weiln die Nahrung merentheils dadurch mir entzogen wird, dass allhier Schinder (Henker), Weiber, Kuh- und andere Hirten sowohl innerlich als äußerliche Curen verrichten und die Patienten betrogen."

Städte regeln die Kompetenzen!

Dabei hatten viele Städte eine Regelung getroffen, nach der die Henker die äußere Medizin (Chirurgie, Wundbehandlung) praktizieren durften und den Ärzten die innere Medizin vorbehalten blieb. Doch da viele Bürger mit dem Henker auch bei inneren Krankheiten gute Erfahrungen gemacht hatten, übten die Henker weiterhin "das innerliche und äußere Curieren" aus. Ein weises Urteil fällte Friedrich der Große (1712 bis 1786), König von Preußen, als sich die Berliner Wundärzte über die Scharfrichter bei ihm beschwerten: "Wenn aber unter den Chirurgen Ignoranten seind, das Publikum darunter nicht leiden kann, sondern jene sich gefallen lassen müssen, dass sich jemand lieber durch einen Scharfrichter kurieren und helfen lasse, als ihnen zu gefallen lahm und ein Krüppel bleibe. Und also sollen sich die Chirurgi nur alle recht geschickt machen und habilitieren, so werden die Kuren der Scharfrichter von selbsten und ohne Verbot aufhören." Insgesamt zählten die Henker bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts zum regulären medizinischen Personal.

Henker als Bader oder Wundärzte

Mit der Humanisierung des Strafvollzugs im 17. und 18. Jahrhundert nahm auch die Zahl der Hinrichtungen ab. Hinzu kommt, dass die Folter nur noch selten angewandt und im 18. Jahrhundert in vielen deutschen Staaten ganz abgeschafft wurde, z. B. 1754 in Preußen. Damit fehlten vielen Henkern ihre Haupteinnahmequelle.

So klagt der Helmstedter Henker Johann Conrad Scheermesser 1748, da ihm auch das "Curieren von Menschen" untersagt wurde: "… dass ihm viele Vorrechte im Laufe der Zeit verloren gegangen sind und er nicht mehr weiß, zu dem das Justifizieren der armen Sünder sehr selten geworden, wovon er seine Familie recht ernähren soll." Also versuchten viele Henker, wenn auch im 18. Jahrhundert meist verboten, von der medizinischen Tätigkeit zu leben. Als im Laufe des 18. Jahrhunderts der Rechtsstatus der "Unehrlichkeit" aufgehoben wurde, konnten Henker und ihre Söhne legal in verwandte Berufe wie Bader und Wundärzte wechseln. Friedrich der Große gestattete 1744 den Henkern nach Ablegung eines Examens die offizielle Behandlung von Brüchen, Geschwüren und Wunden. Einige Henkerssöhne studierten sogar Medizin oder Pharmazie.



Autor:
Ernst-Albert Meyer

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2018; 40 (5) Seite 80-82