Seit meiner klinischen Ausbildung vor mehr als vier Jahrzehnten hat sich das Weltbild zwischen Arzt und Patient verschoben. Noch als Student durfte ich Zeuge sein, wie der Herr Professor bei der "großen Visite" als Gottvater in Weiß mit qualmender Zigarre durch die Praxisflure der Hals-Nasen-Ohrenklinik schwebte, eine Schwester mit dem Ascher an seiner Seite. Inzwischen ist alles anders: Die Herrgötter wurden zu Gesundheitsanbietern geerdet, der mündige und aufgeklärte Patient will und soll als souveränes Gegenüber im Sprechzimmer wahrgenommen werden. So gut, so recht. Nicht selten aber bietet das Praxisleben erstaunliche und skurrile Gegenentwürfe und Impressionen aus dem paramedizinischen Sektor, die nicht wirklich in einen evidenzgeprägten Medizinbetrieb passen wollen.

So konsultierte mich kürzlich ein 29-jähriger junger, selbstbewusster Mann wegen eines monatelangen Reizhustens mit anstrengungsabhängiger Spastik. Bei ihm ist seit der Kindheit eine Pollenallergie bekannt, beide Elternteile sind unbelehrbare Kettenraucher, die Mutter Allergikerin und eine medikamentenpflichtige Asthmatikerin. Nachdem er nun schon allerlei Hausmittel und frei verkäufliche, "vollkommen harmlose" Arzneimittel erfolglos versucht habe, sei er dann von seiner Mutter zu einer Heilerin geschickt worden, "damit da endlich was vorangeht".

Diese habe sich zwar kaum für seine Krankengeschichte interessiert, stattdessen aber eine Schublade aufgezogen, in der viele, gleich aussehende Döschen mit kleinen weißen Kügelchen standen. Mit zwei Elektroden in der Hand sei er dann unter Strom gesetzt und Messpunkte seiner Hautoberfläche vermessen worden, während abwechselnd verschiedenste Tablettendöschen in das Stromfeld gebracht wurden.

Ziel dieses Rituals sei dann nämlich – Hokuspokus Fidibus – die Bestimmung der für ihn wirksamsten Medikation gewesen. Die entsprechenden Kügelchen seien ihm schließlich am Ende dieser Prozedur mit den Worten übergeben worden, dass ihm diese bei regelmäßiger Einnahme praktisch gegen alles helfen würden. Wahrscheinlich auch gegen Fußschweiß und Wohnungsnot, fügte ich lapidar an und wollte wissen, was ihn dieser diagnostische Behandlungszauber eigentlich gekostet habe: siebzig Euro mit sofortiger Entlohnung.

Was er da wirklich geschluckt habe, wisse er zwar nicht, er gehe aber von einem geringen Risiko aus, weil es sich ja wahrscheinlich "um was Pflanzliches" gehandelt habe, noch dazu ohne jeden Effekt. Pflanzlich sei ein Knollenblätterpilz auch, aber mit verheerender Wirkung, entgegnete ich ihm dann kurz, bevor ich meine schulmedizinische Pflicht für sein vermutlich beginnendes Asthma einleitete. Vielleicht, so dachte ich mir anschließend, hätte ich doch etwas Anständiges lernen sollen: Diagnostik aus dem Kaffeesatz oder das therapeutische Gesundbeten. Diese Gesundheitsdienstleistungen sind garantiert frei von Risiken, Regressen oder Reklamationen und vor allem Bezahlung bar Kasse. Da habe ich vor vierzig Jahren wahrscheinlich doch was falsch gemacht.



Das meint Ihr Fritz Meyer, Allgemeinarzt


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2018; 40 (8) Seite 96