Dekane und Studiendekane an 12 Hochschulstandorten äußern Zweifel am Masterplan 2020 für das Medizinstudium, der insbesondere die Allgemeinmedizin an den Universitäten stärken sollte. Sie fordern dafür Evidenz ein, dass die von den wesentlichen politischen Gremien in unserem Land festgelegten Reformen zielführend sind.

Eine solche Evidenz liegt vor: Im Euro Health Consumer Index liegen in jedem Jahr die Niederlande an erster Stelle, während Deutschland permanent deutlich schlechter abschneidet. Man muss also nur in das Nachbarland sehen, um zu lernen, was man verbessern könnte. Das ist neben dem allgemeinen System der primärärztlichen Strukturierung eine Ausbildung, die einen hohen Anteil der Allgemeinmedizin beinhaltet und dabei eine strikte Ausrichtung auf Evidenzbasierung, Wissenschaftlichkeit und Basisfertigkeiten verfolgt. In den Niederlanden gibt es auch keinen Hausärztemangel.

Dagegen haben wir in Deutschland eine groteske Schieflage zwischen der Ausbildungswirklichkeit einerseits und Versorgungsrealität und -erfordernissen andererseits. Die medizinischen Fachbereiche sind durch eine zunehmende Subspezialisierung gekennzeichnet und stehen damit zu Recht für hochspezialisierte Spitzenmedizin, aber eben nicht für die Versorgung der überwiegenden Zahl unserer Bevölkerung. Diese spielt sich zunehmend im ambulanten außeruniversitären Bereich ab, und dem muss die Ausbildung Rechnung tragen. Wer sich die Curricula der Lehrstühle für Allgemeinmedizin in Deutschland ansieht, erkennt, dass hier evidenzbasierte Medizin, die Methodik diagnostischer Studien und der Versorgungsforschung einen sehr hohen Stellenwert haben.

Es ist nachvollziehbar, dass die etablierten Fächer nichts von ihren Unterrichtsanteilen und damit auch den entsprechenden personellen Ressourcen, die vom Steuerzahler finanziert werden, abgeben möchten. Ein Weiter-so wie bisher ist aber in keiner Weise akzeptabel. Immerhin schreibt die Approbationsordnung vor: "Ziel der ärztlichen Ausbildung ist der wissenschaftlich und praktisch in der Medizin ausgebildete Arzt, der zur eigenverantwortlichen und selbstständigen ärztlichen Berufsausübung, zur Weiterbildung und zu ständiger Fortbildung befähigt ist. Die Ausbildung soll grundlegende Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten in allen Fächern vermitteln, die für eine umfassende Gesundheitsversorgung der Bevölkerung erforderlich sind. Die Ausbildung zum Arzt wird auf wissenschaftlicher Grundlage und praxis- und patientenbezogen durchgeführt." Dem werden die Curricula an vielen Standorten nicht gerecht und das Institut für medizinische Prüfungsfragen (IMPP) sowie die Studierenden haben zu Recht festgestellt, dass die bundeseinheitlichen Prüfungen viel zu sehr von Spezialwissen geprägt sind. Deshalb muss der Masterplan Medizinstudium 2020 konsequent und unverzüglich umgesetzt werden – letztlich werden wir alle davon profitieren.



Autorin:

Prof. Dr. med. Erika Baum

Fachärztin für Allgemeinmedizin, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin e. V. (DEGAM)
10117 Berlin

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2018; 40 (10) Seite 5