Lange hatte man darüber nachgedacht, wie man das Fach Allgemeinmedizin im Studium stärken und damit den drohenden oder stellenweise auch schon vorhandenen Mangel an Hausärzten noch abwenden könnte. Herausgekommen war der Masterplan Medizinstudium 2020. In den vergangenen Wochen erlebten die Befürworter allerdings eine nicht mehr für möglich gehaltene Achterbahnfahrt der Gefühle. Erst verzögerte sich die Verabschiedung des Plans, dann wurde er überraschend ganz auf Eis gelegt. Jetzt aber soll er doch wieder in die Realität umgesetzt werden.

Noch einmal zur Erinnerung: Der Entwurf des Masterplans Medizinstudium 2020 sieht unter anderem eine Stärkung der hausärztlichen Versorgung im Studium vor. Dafür soll die Allgemeinmedizin verpflichtendes, mündliches Prüfungsfach im dritten Staatsexamen werden. Außerdem sollen Medizinstudierende im Rahmen des Praktischen Jahres (PJ) drei Monate in der ambulanten, vertragsärztlichen Versorgung verbringen. Darüber hinaus sollen Lehrstühle für Allgemeinmedizin an allen medizinischen Fakultäten eingerichtet werden.

Die Studierenden waren nie begeistert

Gerechnet hatte wohl kaum noch jemand damit, dass der Masterplan nach den zweijährigen Verhandlungen noch scheitern könnte. Aber gewisse Befürchtungen gab es schon, denn immer wieder kam es schon im Vorfeld zu Verzögerungen. Da beharrte Bayern auf einer Landarztquote für den Zugang zum Medizinstudium, die sonst niemand haben wollte. Und die Bundesvertretung der Medizinstudierenden (bvmd) wehrte sich eigentlich von Anfang an vehement gegen die Idee eines ursprünglich einmal geplanten Pflichttertials in der Allgemeinmedizin und die Aufwertung des Fachs Allgemeinmedizin.

Mit einer Trauerfeier zum Gedenken an den drohenden Tod einer echten Reform des Medizinstudiums demonstrierte der bvmd daher publikumswirksam denn auch vor der Tagung der Kultusministerkonferenz (KMK) Mitte März, auf der der Masterplan endlich abgesegnet werden sollte. Auf der Strecke geblieben ist dann aber erst einmal der Masterplan.

Es hakt am lieben Geld

Denn die KMK hatte die Entscheidung über den Masterplan überraschend von der Agenda genommen und zunächst einmal auf unbestimmte Zeit vertagt. Grund dafür war, wie so oft, das liebe Geld. Zahlreiche Fragen zur Finanzierung des Masterplans seien ungeklärt, man erwarte einen angemessenen Finanzierungsbeitrag seitens des Bundes und der für die ärztliche Versorgung zuständigen Träger, so war es von der KMK zu vernehmen.

Der Medizinische Fakultätentag (MFT) sprach hier von Kosten in Höhe von jährlich 30 bis 40 Millionen Euro allein für das Pflichtquartal in der Ambulanten Medizin. Der MFT zeigte sich von der KMK-Entscheidung eher wenig überrascht, denn man habe wiederholt darauf hingewiesen, dass die erfolgreiche Umsetzung des Masterplans nur durch ein belastbares Finanzierungskonzept von Bund, Ländern und Trägern der ärztlichen Versorgung gelingen könne. Der MFT begrüßte daher ausdrücklich die sich nun eröffnende Chance, den Masterplan neu aufzurollen.

Unverantwortliche Verzögerung

An anderer Stelle war man weit weniger erfreut über die Entscheidung der KMK. Entsetzt reagierte die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM), deren ehemaliger Präsident, Prof. Ferdinand Gerlach, sich immer sehr für den Masterplan und die Stärkung der Allgemeinmedizin im Studium eingesetzt hatte. Man sprach von einer unverantwortlichen Verzögerung. Die Entscheidung zeuge von mangelndem Mut der Verantwortlichen, sinnvolle und im Interesse guter Patientenversorgung dringend notwendige Reformen konsequent umzusetzen. Damit werde ein im Koalitionsvertrag festgelegtes Ziel nicht realisiert und die bereits breit konsentierte Verbesserung der Ausbildung der zukünftigen Ärzte auf unbestimmte Zeit hinausgeschoben.

Ein Spiel mit dem Feuer

Katastrophale Folgen für die hausärztliche Nachwuchssicherung befürchtete man auch beim Deutschen Hausärzteverband (DHÄV), wenn der Masterplan scheitern würde. "Was wir aktuell erleben, ist ein Spiel mit dem Feuer", sagte der Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbandes, Ulrich Weigeldt.

Massive Kritik äußerte der DHÄV an dem Versuch des Marburger Bundes, die Stärkung der Allgemeinmedizin und der ambulanten Versorgung im Medizinstudium zu verhindern. "Der Marburger Bund will seit Jahren mit allen Mitteln eine Reform des Medizinstudiums verhindern. Jetzt wird versucht, die Diskussion um die Finanzierung zu nutzen, um das gesamte Projekt erneut infrage zu stellen. Alle Beteiligten sollten sich genau überlegen, ob sie wirklich aus machttaktischen Gründen die hausärztliche Versorgung aufs Spiel setzen wollen", sagte Weigeldt.

Alle Aufregung umsonst?

Die Aufregung hielt knapp zwei Wochen an, doch Ende März konnten sich die Gemüter schon wieder etwas beruhigen. Bund und Länder hatten sich offenbar kurzfristig noch geeinigt, und so konnten Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe und Bundesforschungsministerin Johanna Wanka verkünden, dass der Masterplan Medizinstudium 2020 nun endlich beschlossene Sache sei.

Erleichtert zeigte sich die DEGAM. In einem kurzen Statement begrüßte die Fachgesellschaft die Unterzeichnung des Masterplans, denn die darin beschriebenen Maßnahmen seien wegweisend und würden zu einer wesentlichen Qualitätsverbesserung des Studiums und einer erheblich breiteren und praxisnäheren Ausrichtung der zukünftigen Ärzte führen.

Auch der DHÄV zeigte sich zufrieden, dass die jahrelangen Diskussionen jetzt ein Ende haben und die Allgemeinmedizin sowie die hausärztliche Versorgung zukünftig im Medizinstudium deutlich mehr Raum einnehmen werden. Diese Reform werde hoffentlich dazu beitragen, dass sich auch mehr junge Menschen für den Beruf des Hausarztes entscheiden.

Am Geld könnte der Plan immer noch scheitern

Nicht unbemerkt geblieben ist beim DHÄV allerdings, dass die Wissenschaftsministerien der Länder dem Masterplan nur unter einem Finanzierungsvorbehalt zugestimmt haben. Die vollständige Umsetzung des Masterplans sei nur möglich, wenn zusätzliche Haushaltsmittel zur Verfügung gestellt würden. Hier stünden auch der Bund und die für die ärztliche Versorgung zuständigen Träger in der Pflicht. Alle Maßnahmen, die tatsächliche Kosten verursachen, liegen auf Eis, solange es keine finanzielle Entlastung für die Hochschulkliniken gibt, hieß es dazu aus Niedersachsen. Wenn Bund und Träger keine Bereitschaft zeigen, Finanzierungsverantwortung zu übernehmen, bleibe der Masterplan Makulatur. Da könnte also doch noch eine Menge Ärger drohen.



Autor:
Dr. Ingolf Dürr

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (8) Seite 46-47