Das Schmökern in der Morgenzeitung liefert gerade einem Landarzt oft verbüffende Einblicke in das Leben seiner Patienten, wie Dr. Meyer augenzwinkernd bescheibt.

In Abwandlung eines Loriot-Zitates behaupte ich, ein Leben ohne Zeitung ist möglich, aber sinnlos. Das mag in einer Zeit der digitalen, kosmopolitischen Weltläufigkeit fast anachronistisch erscheinen, ändert sich aber beim Blick in den hausärztlichen Mikrokosmos. Mein Arbeitsalltag beginnt morgens gegen sechs Uhr: Zeit für dampfenden Kaffee und die fast schon rituelle Pflichtlektüre meiner regionalen Tageszeitung. Seit 30 Praxisjahren ist sie eine lebendig sprudelnde Quelle meiner kommunikativen Alltagskompetenz.

Ich fange zu schmökern an, wo gewöhnlich das Leben endet: bei den Todesanzeigen der letzten Seite. Den Wechsel vom Diesseitigen ins Jenseitige hat man bei eigenen Patienten meist direkt erlebt und falls nicht, ist so mancher Dahingeschiedene mit seinem Schicksal aus Urlaubsvertretungen und Notdiensten bekannt. Aber noch mehr kann aus so einer Anzeige entnommen werden: Wer ist mit wem verwandt, verschwägert, verbandelt oder wurde gar totgeschwiegen.

Allerhand Beziehungsgeflechte oder familiäre Verwerfungen können da mit einem Blick transparent werden. Nachrufe von Vereinen, Kommunen oder Arbeitgebern lassen manchen Patienten in ganz anderem Licht erscheinen, als es sein Auftreten in der Praxis vermuten ließ.

Nicht weniger spannend ist, was vermeintlich schwer leidende Menschen in ihrer Freizeit zustande bringen. So las ich staunend von einer Patientin, die zur deutschen Seniorenmeisterin im Sportkegeln avanciert war. Als ich ihr den vorsorglich archivierten Zeitungsbeitrag zeigte, mutierten die zuvor blumig beklagten Ganzkörperschmerzen zu Petitessen und das Gespräch drehte sich blitzartig von der Schmerzbehandlung zu den Feinheiten des Turnierkegelns.

Eine andere Patientin wurde sogar als Weltmeisterin in der Zeitung gefeiert: Ein schleimhautmordender Wettbewerb machte sie zur "Schnupfweltmeisterin". Auf ihren Leistungssport angesprochen, brachte sie beim nächsten Termin mit sieghaft bebenden Nasenflügeln zwei eigenhändig unterschriebene Schnappschüsse vom Wettkampf mit.

Mit unguter Vorahnung hingegen nahm ich das Zeitungsbild einer Feuerwehrleistungsprüfung in einem Nachbarort zur Kenntnis. Stolz präsentierten sich die erfolgreichen Männer der Wehr, darunter einer, den ich einige Tage zuvor krankgeschrieben hatte. Dumm nur, dass sein Vorgesetzter Zeitungsleser war: Der Ärger folgte auf dem Fuß.

Manchmal können publizierte Ehrungen aber auch diagnostische Marathonläufe mit einem Paukenschlag beenden. So geschehen bei einem ausgezehrt und blass wirkenden, Kaffee in Unmengen trinkenden und Kette rauchenden Mann, dessen Blutarmut und Müdigkeit mir Übles signalisierten. Weder ich noch zugezogene Fachleute konnten eine Ursache finden, bis mein Sorgenkind eines Tages in der Morgenlektüre auftauchte: ausgezeichnet als Rekordblutspender des Landkreises. Das Rätsel war gelöst. In der Sprechstunde meinte er dann lapidar, er habe dieses Faktum für nicht besonders wichtig gehalten und deshalb nicht erwähnt.

Das Fazit: Wer Zeitung liest, weiß mehr vom Leben – als Mediziner, Mensch und Mitbürger.

Dies meint Ihr
Fritz Meyer, Allgemeinarzt



Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (3) Seite 28