Der Bundesgesundheitsminister will die Zahl der Sprechstunden der niedergelassenen Ärzte ausweiten, um so die Wartezeiten für Patienten zu verkürzen. Dieser Idee hat sich nun auch der GKV-Spitzenverband angeschlossen. Dass für die Mehrarbeit allerdings nicht mehr Honorar gezahlt werden soll, bringt die Ärzteverbände auf die Barrikaden.

Derzeit sind Vertragsärzte verpflichtet, persönlich mindestens 20 Stunden wöchentlich in Form von Sprechstunden zur Verfügung zu stehen. Laut Koalitionsvertrag sollen es künftig 25 Stunden sein.

Ärzte sind schon bestens bezahlt

Dieser Idee kann Johann-Magnus von Stackelberg, stellvertretender Vorstandsvorsitzender des GKV-Spitzenverbands, durchaus Positives abgewinnen. Für seine Patienten da zu sein, sei die Kernaufgabe des Arztberufs. Und wenn zur Umsetzung ihres gesetzlichen Auftrags 20 Stunden Sprechstunde nicht reichen, dann müssten die Ärzte eben einen größeren Anteil ihrer Arbeitszeit für mehr Sprechstunden reservieren, konstatierte von Stackelberg. Dies sei jedoch keine Ausweitung der Arbeitszeit an sich, und deshalb gebe es auch keinen Grund, über die "ohnehin schon gute Vergütung" hinaus auch noch über Bonuszahlungen für Ärzte nachzudenken.

Mehr Sprechstunden lösen kein Problem
Wie die Arbeitszeiten in den Praxen im Einzelnen aussehen und was diese Forderung für die Patienten bringt, hat das Zentralinstitut für kassenärztliche Versorgung (Zi) untersucht und in einem Bericht veröffentlicht. Da keine rechtlich bindende Definition des Begriffs ‚Sprechstunde‘ existiert, zieht das Zi sogenannte Betriebszeiten zum Vergleich heran. Damit sind die Stunden gemeint, in denen ein Arzt in der Praxis anwesend ist. Laut Zi liegen die Betriebszeiten bei durchschnittlich 38,8 Wochenstunden. Rund 92 % der Praxen gaben Betriebszeiten von 25 Stunden und mehr pro Woche an. In den meisten Praxen, so das Ergebnis, wird die Forderung des Koalitionsvertrags nach mehr Stunden bereits übererfüllt.

Laut Zi arbeiten Praxisinhaber im Durchschnitt 51,5 Wochenstunden. Davon widmen sie ihren gesetzlich versicherten Patienten 35,8 Wochenstunden. Auf Privatpatienten entfallen 5,8 Stunden, wobei es in ländlichen Gebieten und weiten Teilen der neuen Bundesländer verhältnismäßig wenige Privatpatienten gibt und deren Behandlung insofern im Praxisalltag kaum eine Rolle spielt. Allerdings müssen Praxisinhaber etwa 14 Stunden pro Woche für Aufgaben ohne direkten Patientenkontakt einsetzen. Hierzu zählen Dokumentationen, Befundstellungen, Praxismanagement und die Teilnahme an Fortbildungen. Um mehr Zeit für die Patienten zu schaffen, wäre es laut Zi daher sinnvoll, die Ärzte und Psychotherapeuten von bürokratischen Aufgaben zu entlasten.

Selbst bei entsprechender Vergütung sei zu befürchten, dass die Anhebung der Sprechstundenpflicht ältere Ärzte zur früheren Praxisaufgabe veranlassen könnte, so das Zi. Hinzu komme, dass die Übernahme einer Praxis für junge Ärzte dadurch wieder etwas weniger attraktiv werden und den Trend zur Anstellung verstärken würde. Damit würde der Gesetzgeber am Ende das Gegenteil erreichen, nämlich weniger Sprechstundenzeit für Patienten, denn angestellte Ärzte arbeiten nach Erhebungen des Zi selten mehr als 40 Wochenstunden.

Datengrundlage der Zi-Auswertung waren die Angaben von rund 3.800 Einzelpraxen und 1.000 Gemeinschaftspraxen von Vertragsärzten und -psychotherapeuten aus dem Jahr 2015.

Mehr Honorar könnten Ärzte bestenfalls erwarten, wenn sie ihre Sprechstunden abends oder an Samstagen z. B. von 7 bis 19 Uhr ausweiten würden, so von Stackelberg. Bislang dürfen die Praxen an Samstagen nur bis 14 Uhr geöffnet sein. Und auch bei Hausbesuchen könne sich der GKV-Spitzenverband eine verbesserte Honorierung vorstellen, eventuell wäre hier sogar eine völlige Entbudgetierung denkbar, stellte der Kassenvertreter in Aussicht.

KBV spricht von Zechprellerei

Zumindest bei diesem letzten Punkt konnte der GKV-Spitzenverband noch einigermaßen zustimmende Reaktionen seitens der Ärzteschaft einheimsen. Doch darüber hinaus war die Entrüstung groß und die Kommentare fielen geharnischt aus. So wies der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Dr. Andreas Gassen, alle Überlegungen in Richtung zusätzlicher ärztlicher Leistungen zurück, solange noch immer 10 bis 20 % der erbrachten Leistungen der Niedergelassenen nicht bezahlt würden. "Zechprellerei lässt sich nicht dadurch heilen, dass man zusagt, sich zu überlegen, eventuell die nächste Rechnung zu bezahlen", so Gassen. Die KBV forderte stattdessen erneut eine Entbudgetierung der ärztlichen Grundleistungen. In die gleiche Kerbe schlug der Bundesvorsitzende des Verbands der niedergelassenen Ärzte Deutschlands, Dr. Dirk Heinrich: "Wer auf einem Riesenberg von Honorarschulden gegenüber der Ärzteschaft sitzt, Mehrarbeit einfordert und die Budgetierung als bewährtes Instrument sieht, der hat jede Bodenhaftung verloren." Ein Kassenchef, der die Botschaft aussende "Liebe Ärzte, leistet mehr, aber wir zahlen nix dafür", stoße zudem genau diejenigen jungen Ärzte vor den Kopf, die zukünftig die GKV-Versicherten behandeln sollen, so Heinrich weiter.

Weniger Bürokratie, mehr Zeit für Patienten

Ulrich Weigeldt, Bundesvorsitzender des Deutschen Hausärzteverbands (DHÄV), diagnostizierte in einem offenen Brief an den GKV-Spitzenverband eine zunehmende Entfremdung der Krankenkassen, wenn diese nahelegen wollen, dass die Probleme bei der Sicherstellung der hausärztlichen Versorgung aus einer mangelnden Leistungsbereitschaft der Hausärzte resultieren.

Jüngste Erhebungen würden zeigen, dass ein Hausarzt durchschnittlich 53 Stunden pro Woche arbeitet, stellte Weigeldt fest. Gründe für die hohe Belastung seien neben der steigenden Morbidität der Bevölkerung sowie der Tatsache, dass sich nach wie vor deutlich zu wenig junge Menschen für den Hausarztberuf entscheiden, ganz wesentlich auch die stetig zunehmende Bürokratie. Zu dieser trügen die Krankenkassen maßgeblich bei. Anstatt also die Hausärzte aufzufordern, zukünftig weitere Sprechstunden samstags und spätabends anzubieten, sollten die Kassen dafür sorgen, dass die Kollegen in den Praxen nicht durch überbordende bürokratische Regularien von der Versorgung der Patienten abgehalten werden, so Weigeldt.

Kassen versuchen, in die Praxen hineinzuregieren

Grundsätzlich wendet sich der Hausärzte-Chef gegen die um sich greifenden Bestrebungen der Kassen, darüber bestimmen zu können, wie die Hausärzte den Arbeitsalltag in ihren Praxen zu organisieren haben, beispielsweise wann sie Sprechstunden anbieten sollen oder ab welcher Praxisgröße Hausärzte Leistungen an Medizinische Fachangestellte delegieren dürfen. Die hohe gesellschaftliche Verantwortung, die die Hausärztinnen und Hausärzte tragen und der der überragende Teil von ihnen umfassend nachkommt, darf von den Krankenkassen nicht als Einfallstor für eine ausufernde Reglementierung des freien Arztberufes missverstanden werden.

Damit auch zukünftig eine qualitativ hochwertige und flächendeckende hausärztliche Versorgung sichergestellt werden kann, hält der DHÄV-Chef insbesondere vier Maßnahmen für zielführend:
  • die Entbudgetierung typischer hausärztlicher Leistungen wie Hausbesuche, Geriatrie, Palliativmedizin und Gesprächsleistungen,
  • eine Vergütung von Hausbesuchen, die auf einer betriebswirtschaftlichen Kalkulation beruht,
  • die Stärkung der auf Pauschalen basierenden Hausarztverträge als Alternative zur überkomplexen EBM-Systematik und
  • eine gemeinsame Initiative von Krankenkassen und Ärzteschaft zur nachhaltigen Bekämpfung des Bürokratiewahnsinns in den Praxen.

Mehr Respekt für die Leistung der Ärzte

Weigeldt fordert die Kassen auf, von weiteren Schuldzuweisungen gegenüber den Hausärzten abzusehen und stattdessen innerhalb der Selbstverwaltung für eine Verbesserung der Rahmenbedingungen einzutreten.

Ungewohnte Unterstützung erhielt Weigeldt vom KBV-Vorstand: "Der offene Brief an den GKV-Spitzenverband verdeutliche, dass Politik und Krankenkassen auf dem besten Weg sind, es sich mit der gesamten niedergelassenen Ärzteschaft Deutschlands zu verscherzen", stellte KBV-Vorstandsvorsitzender Gassen fest. "Die Erwartungen der Vertragsärzte und Vertragspsychotherapeuten sind so einfach wie gerechtfertigt: Arbeit, die geleistet wird, muss auch bezahlt werden! Schluss mit ideologisch motivierter Kontrollwut und Regulierungswahn! Respekt für den freien Beruf! Und: Hören Sie auf, Ärzte, die im Schnitt 53 Wochenstunden arbeiten – auch nachts und am Wochenende – als Leistungsverweigerer darzustellen!", verdeutlichte Gassen.

Gegenüber den Krankenkassen scheint die Ärzteschaft ihre Reihen also geschlossen zu haben.



Autor:
Dr. Ingolf Dürr

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2018; 40 (14) Seite 22-24