Sollten Computerdiagnosen die Qualität jener von Ärzten erreichen (viel spricht dafür, dass dies nur eine Frage der Zeit ist), wird zu fragen sein, ob ärztliche Diagnosen noch benötigt werden. Darin steckt die Chance, dass medizinische Entscheidungen rationaler getroffen werden, denn im Ideal bleibt ein KI-System von Partikularinteressen unbeeinflusst.

Expertensysteme zur Diagnoseunterstützung wie MYCIN, ONCOCIN und INTERNIST werden seit den 1970er-Jahren erforscht; deren Limitierungen bzgl. Kosten, Benutzerfreundlichkeit und Praxistauglichkeit haben die breite Anwendung jedoch verhindert. Seit IBM sein System WATSON vor einigen Jahren vorstellte, ist die computergestützte Diagnose jedoch wieder in aller Munde. So nutzt die Rhön-Klinikum AG WATSON bei der Diagnose seltener Krankheiten und plant, das System möglicherweise auch im Krankenhausalltag einzusetzen. In den USA wie in Japan wird WATSON in Pilotprojekten zur Krebsdiagnose genutzt, andere Tests dienen der Optimierung von Krankenhauseinkäufen.

Die Grundidee hinter WATSON ist die Analyse großer Datenbestände; im diagnostischen Kontext sind dies bspw. Fachartikel und Forschungsergebnisse für das allgemeine medizinische Wissen sowie Anamnesen, Krankheitsverläufe, Symptombeschreibungen und Untersuchungsergebnisse als Informationen über konkrete Patienten. Man kann WATSON als Big-Data-Anwendung für den medizinischen Bereich verstehen; die Besonderheit liegt darin, dass WATSON mit unstrukturierten natürlich-sprachlichen Informationen arbeiten kann.

Computerdiagnosen ermöglichen es, Medikamente oder Behandlungsmethoden auf Basis medizinischer Evidenz auszuwählen und nicht aufgrund von wirtschaftlichen Erwägungen, persönlichen Vorlieben oder gar Vorurteilen oder schlichtem Unwissen des medizinischen Personals.

Da solche Systeme Entscheidungen auf Basis von Datenmengen treffen, die Menschen nicht mehr verarbeiten können, besteht jedoch die Gefahr, dass eine Überprüfung, auch im Sinne der Choosing-Wisely-Kampagne, nicht mehr möglich wäre. Was KI-Systemen aber (bisher) verschlossen bleibt, sind Emotionen sowie Empathie und damit deren Bedeutung bei der Frage nach der Art der Behandlung – oder auch deren Abbruch.

Die breite Einführung medizinischer KI-Systeme könnte zur Neubestimmung des ärztlichen Selbstverständnisses führen, da menschliche diagnostische Fähigkeiten überflüssig werden könnten. Es ist absehbar, dass dann Fragen nach Kompetenz, Verantwortung und dem Arzt-Patienten-Verhältnis in ganzer neuer Weise zu stellen sein werden.



Autor:

Prof. Dr. phil. habil. Karsten Weber

Ostbayerische Technische ­Hochschule Regensburg
93025 Regensburg

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (18) Seite 5