Die Frage „Impfen - ja oder nein“ ist für einige Menschen weniger eine medizinische Erwägung als vielmehr eine „Glaubensfrage“, vor allem wenn es um die Impfung der Kinder geht. Sie als Hausarzt sind dann gefordert, die Befürchtungen, mit denen Sie Ihre Patienten konfrontieren und die aus den verschiedensten Quellen stammen, korrekt einzuordnen, unberechtigte Ängste abzubauen und nach dem Stand der Wissenschaft umfassend aufzuklären.

Viele Eltern informieren sich an verschiedensten Stellen im Internet und sind danach oftmals noch unsicherer als zuvor. Denn im Internet kann fast alles behauptet werden, und dem Laien fällt es oft schwer, den Wahrheitsgehalt zu überprüfen. „Eine andere Realität im Internet“, nennt Dr. Wolfgang Maurer, der zehn Jahre lang das Bundesstaatliche Serumprüfungsinstitut in Österreich geleitet hat, die Inhalte dieser oft wissenschaftsfernen Internetseiten. Auf ihnen wird zum Beispiel die Existenz von Krankheitserregern, vor allem Viren, geleugnet oder das Durchmachen der Masern - nur so sind Masern-Partys zu erklären - und anderer schwerer Infektionskrankheiten als Stärkung des Immunsystems angesehen, eine Impfung demgegenüber als Schwächung.

Gibt man das Stichwort „Impfen“ in Google ein, so kommen unter den ersten Treffern gleich mehrere impfkritische Seiten, auf denen Impfungen mit den schlimmsten Nebenwirkungen in Verbindung gebracht werden - kein Wunder, dass gerade Eltern verunsichert zum Impftermin erscheinen. Doch die medizinischen Fakten sprechen eine klare Sprache. So zeigt die Tabelle 1 „Vergleich der Komplikationsraten nach Erkrankung und nach der Impfung“ eindeutig, dass die Impfung wesentlich seltener zu Komplikationen führt [2].

Infektionskrankheiten haben ihren Schrecken verloren

Die meisten impfpräventablen Erkrankungen sind selten geworden. Wer hat in seiner Praxis schon einmal Patienten mit Diphtherie oder Tetanus gesehen? Ein weiteres Beispiel sind die Hib-Erkrankungen. Seit der Einführung der Haemophilus influenzae b-Impfung (Hib-Impfung) im Jahr 1990 ist die Erkrankungszahl drastisch gesunken, so dass die oft tödlich verlaufende oder bleibende Schädigungen hinterlassende Infektionskrankheit kaum noch gesehen wird. In den Jahren vor der Impfung waren es jährlich zwischen 1 000 und 2 000 Erkrankungen, bereits Mitte der 1990er Jahre wurden nur noch etwa 50 Fälle im Jahr gemeldet (ESPED), 2011 sind elf Hib-Erkrankungen (SurvStat, Daten bis zum 30.11.) beim RKI registriert worden. Infektionskrankheiten verschwinden daher aus dem Bewusstsein der Menschen, da sie - gerade aufgrund der Wirkung von Impfungen - seltener auftreten. Sie werden nicht mehr als bedrohlich wahrgenommen, mögliche Nebenwirkungen jedoch überbewertet.

Impfungen als Beitrag zur Gesundheit der Gemeinschaft: die Herdenimmunität

„Warum soll ich mich oder mein Kind gegen eine Erkrankung impfen lassen, die es bei uns doch gar nicht mehr gibt, und dem Risiko einer Impfkomplikation aussetzen?“, ist ein Argument, das man in Diskussionen immer wieder hört. Dabei bleibt der Nutzen von Impfungen für die Allgemeinheit im Sinne einer Herdenimmunität völlig außer Betracht: Durch ausreichend hohe Impfraten wird die Erregerzirkulation unterbrochen, ein Schutz ist somit auch für Menschen gewährleistet, die aus irgendeinem Grund nicht geimpft werden können (z. B. Masernschutz für Kinder im ersten Lebensjahr, Infektionsschutz für Schwangere und Menschen mit einer Immunsuppression, z. B. während einer Chemotherapie). Das Nachlassen der Herdenimmunität kann zu erneuten Ausbrüchen von Infektionskrankheiten führen, die man vielleicht schon als besiegt betrachtet hat. So ist in den letzten Jahren Poliomyelitis in vielen Ländern wieder aufgetreten, die schon seit zehn Jahren und mehr als poliofrei galten. Ursache ist ein Rückgang der Durchimpfungsraten.

Das A und O: Aufklärung über mögliche Impf-Nebenwirkungen

Nebenwirkungen können bei jeder Impfung vorkommen. Sie äußern sich zwar meistens lediglich als Schmerzen an der Impfstelle, Rötung und Schwellung, das aber kann bei bis zu 10 % der Geimpften auftreten, wenn man einen inaktivierten Impfstoff (Totimpfstoff) verimpft. Der ausreichenden Aufklärung vor Impfungen kommt daher eine wichtige Bedeutung zu (vgl. dazu auch „Impfen in der Hausarztpraxis“, Der Allgemeinarzt 20/2011). Nach den Mitteilungen der Ständigen Impfkommission am Robert Koch-Institut muss nicht nur über häufige Allgemein- oder Lokalreaktionen aufgeklärt werden, sondern auch über seltene Komplikationen, die der Impfung spezifisch anhaften. Dazu zählt zum Beispiel eine Neuritis nach Tetanusimpfung, die zwar nur in Einzelfällen auftritt, aber eben typisch ist [3].

Hypothesen und unbewiesene ­Behauptungen

Hypothesen und unbewiesene Behauptungen, die über Impfungen im Umlauf sind, sollten bekannt sein, damit man entsprechende Gegenargumente parat hat. Übersicht 1 zeigt Hypothesen, die durch Studien eindeutig widerlegt werden konnten [4].

Dabei hat vor allem die Behauptung, die MMR-Impfung könne Autismus auslösen, in den Medien für Furore gesorgt, insbesondere in Großbritannien. Hier wurde die „Studie“ durchgeführt, deren Ergebnisse im renommierten „Lancet“ publiziert worden waren. Nach den zahlreichen Diskussionen über mögliche bleibende Schäden sanken in Großbritannien - einem Land mit traditionell guter Impfbeteiligung - die Durchimpfungsraten auf ein Rekordtief. 2006 starb in England erstmals wieder ein Kind an Masern. Was erst 2007 durch Recherchen der „Sunday Times“ herauskam [5]: Fünf der dreizehn Lancet-Autoren erhielten zusammen fast 280 000 Euro für die Veröffentlichung, auch andere Beteiligte bekamen hohe Summen für ihre Mitwirkung. Drastischer hätten die Folgen mangelnder wissenschaftlicher Ethik kaum ausfallen können, heißt es im Deutschen Ärzteblatt, in dem der Skandal berichtet wurde. Der Hintergrund: Der Arzt, der den MMR-Impfstoff verunglimpfte, hatte Patente für einen eigenen Einzelimpfstoff beantragt. Die mafiösen Machenschaften um den MMR-Impfstoff seien wahrscheinlich kein Einzelfall, wird in dem Beitrag vermutet (Abb. 1).

Wie sollte man in der Praxis mit impfkritischen Patienten umgehen?

Meistens werden Sie es mit verunsicherten Menschen zu tun haben, die Impfungen aufgrund von Internet-Recherchen oder „Beratungen“ durch Bekannte skeptisch gegenüberstehen, sachlichen Argumenten gegenüber aber durchaus offen sind. Nehmen Sie sich die Zeit, ausführlich mit diesen Patienten zu sprechen. Gehen Sie auf ihre Ängste und Befürchtungen ein und erklären Sie, wie die medizinischen Fakten tatsächlich aussehen. Oftmals sind diese gar nicht bekannt oder wurden nicht richtig verstanden.

Einen wirklichen Impfgegner (geschätzt etwa 3 % der Bevölkerung) werden Sie allerdings nicht überzeugen können. Wenn ein Patient nach einem ausführlichen Beratungsgespräch die Impfung ablehnt, lassen Sie sich das schriftlich bestätigen (Abb. 2). So sind Sie sicher vor Schadensansprüchen, falls bei dem Ungeimpften eine impfpräventable Erkrankung auftritt und Ihnen mangelnde Information und Beratung vorgeworfen wird.

Häufige Einwände gegen Impfungen

„Die Wirksamkeit von Impfungen ist niemals belegt worden.“

Nur ein Impfstoff, der in Studien seine Wirksamkeit bewiesen hat, wird überhaupt zugelassen. Auf EU-Ebene prüft dies die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA), in Deutschland ist das Paul-Ehrlich-Institut (Bundesamt für Sera und Impfstoffe) dafür verantwortlich. Außerdem gibt es zahlreiche Beispiele, wie durch Einführung von Impfprogrammen Infektionskrankheiten zurückgedrängt werden konnten. Erst die öffentliche Empfehlung der Schluckimpfung im Jahr 1962 führte zu einem drastischen Rückgang der Polio-Erkrankungen. Während 1961 in der Bundesrepublik noch fast 4 700 Erkrankungen mit Lähmungserscheinungen und 305 Todesfälle gemeldet wurden, waren es bereits 1965 weniger als 50 Erkrankungen. Der letzte autochthone Fall wurde in Deutschland 1990 gemeldet, die beiden letzten im Ausland erworbenen Erkrankungen 1992. Seit 2002 gilt Europa als poliofrei [6].

„Kein Erreger von impfpräventablen Erkrankungen wurde bisher nachge­wiesen.“

Bakterien sind - wie bereits seit Robert Kochs Zeiten bekannt - im Lichtmikroskop darstellbar, Viren dagegen ließen sich lange Zeit nicht abbilden. Im Elektronenmikroskop, das eine wesentlich höhere Auflösung erlaubt, können aber auch Viren sichtbar werden, und es liegen heute von zahlreichen Viren Abbildungen vor. Von vielen Erregern wurde darüber hinaus inzwischen der genetische Code entschlüsselt [6].

„Kombinationsimpfungen überlasten das kindliche Immunsystem.“

Dies ist eine sehr häufige Befürchtung und führt oft dazu, dass Eltern vor allem vor Impfungen mit Kombinationsimpfstoffen zurückschrecken. Doch die T-Zell-Rezeptoren, die für die Erkennung eines Erregers zuständig sind, sind bereits im Kindesalter vorhanden. Wäre dies nicht der Fall, könnte kein Neugeborenes dem Ansturm der Antigene standhalten. Die Antigene in Kombinationsimpfstoffen beanspruchen nur einen winzigen Teil der verfügbaren Rezeptoren, man geht von 1018 aus! Außerdem wird mit den heutigen Kombinationsimpfstoffen nur ein Bruchteil der Antigene verabreicht, wie sie Mono-Impfstoffe, z. B. der Pertussis-Ganzkeim- oder der BCG-Impfstoff, beinhalteten (vgl. Tabelle 2). Der Grund: Die heutigen Impfstoffe sind so hoch gereinigt, dass sie meistens nur noch einzelne Bestandteile des Erregers enthalten [2, 6, 7].

„Impfstoffe enthalten gefährliche Chemikalien wie Quecksilber oder Formaldehyd, die zu Vergiftungen und bleibenden Schäden führen können.“

Die Konzentrationen von Formaldehyd oder Quecksilber, die in einigen (aber nicht allen) Impfstoffen enthalten sind, liegen unterhalb der toxikologischen Grenzwerte. Formaldehyd wird während der Produktion zur Vermeidung von Verunreinigungen, zur Inaktivierung bei viralen Totimpfstoffen und zum Detoxifizieren von Toxinen (z. B. Diphtherie- oder Tetanus-Impfstoffe) zugesetzt. Der gereinigte endgültige Impfstoff enthält dann Mengen, die unter dem physiologischen Formaldehydgehalt der menschlichen Muskulatur liegen. Thiomersal, eine organische Quecksilberverbindung (Ethylquecksilber), wird ebenfalls einigen Impfstoffen zur Dekontamination zugegeben. Es darf nicht mit dem bei Verbrennung fossiler Energieträger gebildeten Methylquecksilber verwechselt werden: Diese Belastung hat sich im vergangenen Jahrhundert verdreifacht, pränatale Exposition soll die neurologische Entwicklung des Kindes beeinträchtigen. Dies gilt nicht für Ethylquecksilber. Bis heute sind als einzige Nebenwirkung von thiomersalhaltigen Impfstoffen Überempfindlichkeitsreaktionen, die keinen Krankheitswert haben, beschrieben worden. Außerdem: Alle Impfstoffe für Standardimpfungen sind inzwischen frei von Thiomersal [6, 7, 8].


Literatur
1. Pharmazie in unserer Zeit 1/2008 (37), S. 64-71, Maurer W., Von einer anderen Realität im Internet: Impfskeptiker - Impfgegner
2. Schwierige Impffragen, 2. Auflage 2008 (vergriffen, 3. Auflage in Überarbeitung, Deutsches Grünes Kreuz E. V. ), U. Quast, S. Ley-Köllstadt, U. Arndt, S. 184 und 173
3. Aktualisierte Mitteilung der Ständigen Impfkommission (STIKO) am RKI: Hinweise für Ärzte zum Aufklärungsbedarf über mögliche unerwünschte Wirkungen bei Schutzimpfungen/Stand: 2007, Epidemiologisches Bulletin Nr. 25 vom 22. Juni 2007
4. Handbuch der Impfpraxis, Deutsches Grünes Kreuz E. V., 1. Auflage 2012, Kapitel 48, Dittmann S., Impfsicherheit, S. 657-676
5. Deutsches Ärzteblatt Jg.104, Heft 4, 26. Januar 2007, S. A-166, Kaulen H., MMR-Impfung: Wie ein Impfstoff zu Unrecht in Misskredit gebracht wurde
6. Robert Koch-Institut: Bedeutung von Impfungen: 20 Einwände und Antworten des RKI und des PEI: www.rki.de
7. Deutsches Ärzteblatt Jg.105, Heft 34–35, 25. August 2008, Impfsicherheit heute: Schneeweiß, B., Pfleiderer, M., Keller-Stanislawski, B.
8. Handbuch der Impfpraxis, Deutsches Grünes Kreuz E. V., 1. Auflage 2012, Kapitel 47, Quast, U. , Begleitsubstanzen in Impfstoffen, S. 649-656.

Interessenkonflikte:
keine deklariert

Dr. med. Sigrid Ley-Köllstadt


Kontakt:
Dr. med. Sigrid Ley-Köllstadt
Deutsches Grünes Kreuz e.V.
35037 Marburg

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2012; 34 (1) Seite 12-15