Das Dilemma ist bekannt und wird gerade von jungen und sehr gut aus- und weitergebildeten Allgemeinärzten zunehmend beklagt: Allgemeinärzte haben heute bei Weitem nicht die Handlungsspielräume, um ihrer Steuerungs- und Koordinierungsfunktion im System tatsächlich gerecht werden zu können. Das liegt daran, dass die Versorgung viel zu diagnose- und apparatezentriert und zu wenig ganzheitlich ausgerichtet ist. Dies führt dann dazu, dass Patienten früher oder später von einem Spezialisten zum anderen rennen. Junge Allgemeinärzte können ihr Know-how und ihre Kompetenzen daher häufig gar nicht bei ihren Patienten anwenden.

Hausärzte sind mehr als nur Lotsen

Dies liegt auch daran, dass der Allgemeinarzt gerne zum weichenstellenden "Lotsen" degradiert wird. Dabei wird gerade auch von der Politik außer Acht gelassen, dass die Tätigkeit des Facharztes für Allgemeinmedizin weit über diese "Lotsenfunktion" hinausgeht. Mit verhältnismäßig einfachen Mitteln können Hausärzte "80 bis 90 % aller Patientenanliegen ohne Informationsverluste, zeitnah, abschließend, in guter Qualität und mit einer sehr hohen Kosteneffektivität behandeln", stellt nicht nur die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) klar.

Somit wäre nur in 10 bis 20 % der Krankheitsfälle eine Überweisung zum Spezialisten notwendig. Tatsächlich suchen jedoch deutlich mehr Patienten – direkt oder per Überweisung – den Kontakt zum Spezialisten. Und so nehmen die Dinge ihren Lauf, weil dann die Organspezialisten ihr umfassendes apparatives und operatives Potenzial voll ausspielen, das jedoch für einen Teil ihres Patientenkollektivs überhaupt nicht notwendig ist. Dies führt dann zu der häufig zu Recht beklagten Fehlversorgung von Patienten und letztlich auch dazu, dass wertvolle Ressourcen ineffektiv eingesetzt werden.

Das hausärztliche Gespür

Dabei wird nicht nur die Kompetenz der Allgemeinärzte beschnitten, sondern auch ihr breiter Erfahrungsschatz missachtet. Ein Forscherteam von der Abteilung für Allgemeinmedizin der Université de Bretagne Occidentale in Brest hat nun sogar herausgefunden, dass bei Patienten, die z. B. über Dyspnoe und/oder Brustschmerzen klagten, auf das hausärztliche Bauchgefühl Verlass ist. Denn
  • in rund 70 % der Fälle lagen sie mit ihrer Vermutung – harmlos oder ernst? – richtig,
  • löste der Befund ein Alarmgefühl aus, war die Wahrscheinlichkeit signifikant höher, dass den Beschwerden eine ernste Erkrankung zugrunde lag,
  • fehlendes Alarmgefühl trat hingegen 1,8-mal häufiger auf, wenn es sich um eine nicht bedrohliche Ursache handelte.

Politik muss Weichen stellen

In seinem Know-how und zusätzlich in diesem wertvollen Bauchgefühl-Gespür, das nur mit dem Blick auf den ganzen Menschen zu erklären ist, liegt die besondere Expertise eines Allgemeinarztes. Doch der Politik fehlt bislang gerade eben dieses Bauchgefühl und auch der Mut, die entsprechenden Weichen im System anders zu stellen. Zum Beispiel hin zu einer strikteren hausarztzentrierten Versorgung oder gar zu einem Primärarztmodell. In anderen Ländern wird der Allgemeinarzt als echter Gatekeeper schon lange akzeptiert. Hierzulande werden hingegen auch künftig Patienten, deren eigenes Bauchgefühl häufig auch trügerisch sein kann, weiter damit leben müssen, vom Falschen zu viel und vom Richtigen zu wenig zu bekommen.


Das meint Ihr

Raimund Schmid


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2020; 42 (6) Seite 34