Gesundheit ist ein Prozess von achtsamer Anpassung: Sie bezeichnet die Fähigkeit, sich auf wechselnde Herausforderungen einzustellen, im Fall einer Krankheit angemessen zu handeln, aber auch in Gelassenheit alt zu werden und in Frieden den Tod zu erwarten. Die Erfahrung von Schmerz, Krankheit und Tod gehört also zum Begriff der Gesundheit integral dazu.

Gesundheit ist kein technisches, aber auch kein ärztliches Produkt: Sie schenkt sich. Der Philosoph Hans-Georg Gadamer war der Meinung, dass es Gesundheit nur als verborgene gibt. Der Mensch ist dann gesund, wenn er vergisst, dass er gesund ist, weil er weggegeben ist an Dinge und an Menschen. Wenn eine Gesellschaft permanent den Gesundheitsbegriff bemüht, ist also Vorsicht geboten. Es wird mit einem hypertrophen Gesundheitsbegriff hantiert, der Züge einer Krankheit hat: "Wo Gesundheit draufsteht, kann Gesundheit gar nicht drin sein!" Es gibt eine hypochondrische Überaufmerksamkeit für Gesundheitsbelange, die krank macht und zu falschen Konsequenzen neigt.

Der Chirurg Bernd Hontschik schildert eine Erfahrung, die ihn in seinem Medizineralltag stutzig machte: Am Montag kam es in seinem Krankenhaus bei jungen Mädchen vermehrt zu dem Befund chronischer Appendizitis und zur operativen Entfernung des Blinddarms. Er ging diesem Phänomen nach und kam zur erstaunlichen Diagnose: Es kann sich dabei nur um ein Problem des Familiensystems und der ärztlich-technischen Reaktion darauf handeln. Die erwachende Sexualität der jungen Mädchen eskaliert stets am Wochenende und muss dann am Montag "medizinisch" gelöst werden. Da die Mütter auf den Arzt Druck ausüben, müssen diese intervenieren, um ihrem Krankenhaus keinen schlechten Ruf einzutragen. Mit dieser Erkenntnis konnte die Zahl der Blinddarmoperationen in seinem Krankenhaus signifikant gesenkt werden. Die Chirurgie als "Psychotherapie mit Skalpell" war entlastet. Krisen kann man nicht operieren! Natürlich kann man: Aber damit ist das Problem oft nicht gelöst, sondern nur verschoben. Solche Zusammenhänge zu durchschauen, gehört auch zu einer klugen Medizin. Man könnte dafür den Begriff der Weisheit bemühen.

Was also ist Gesundheit? Gesundheit ist die Fähigkeit, das Leben in seiner Endlichkeit anzunehmen und alles dafür zu tun (eigene Lebensweise, Achtsamkeit, natürlich auch das rechtzeitige Konsultieren der Ärzte), es so lebenswert wie möglich zu gestalten. Gesundheit kann man aber nicht kaufen, auch nicht in einer reichen Gesellschaft.

In der christlichen Tradition gibt es zwei heilige Ärzte: Kosmas und Damian. Sie tragen die Ehrenbezeichnung "Hagioi Anargyroi", was wörtlich übersetzt die "geldlosen Heiligen" bedeutet. Das ist die Sinnspitze des Heilens: Das Charisma des Heilens und "Monetik" schließen sich aus. Spätestens hier sollten wir ins Nachdenken geraten, welche Medizin gesund und welche krank macht.



Autor:

Prof. Dr. Erich Garhammer

Lehrstuhlinhaber für Pastoraltheologie an der Universität Würzburg
97070 Würzburg
Autor des Buchs: "Heiße Fragen – coole Antworten. Überraschende Blicke auf Kirche und Welt", Würzburg 2016

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (17) Seite 5