Wie blicken junge Ärztinnen und Ärzte auf die Hausarztmedizin? Wie beurteilen sie berufs- und gesundheitspolitische Entwicklungen? Sandra Blumenthal ist aktives Mitglied der Jungen Allgemeinmedizin Deutschland (JADE) und des DHÄV (Forum Hausärztinnen) und befindet sich derzeit in der Weiterbildung zur Allgemeinärztin.

Im Frühjahr 2019 steht meine Facharztprüfung an. Es drängt sich die Frage auf, wie es für mich weitergehen wird in der Allgemeinmedizin. Mein Traum? Eine Praxis z. B. in Husum, der grauen Stadt am Meer mit dem Watt vor der Nase, bezahlbarem Wohnraum und einer gut ausgebauten Infrastruktur. Zudem leidet Husum schon jetzt an hausärztlicher Unterversorgung. Gerne wäre ich dort tätig, wo ich gebraucht würde.

Unsere Kinder in Husum aufwachsen zu sehen, stelle ich mir außerdem schön vor. Doch erziehe ich unsere Kinder nicht alleine. Wir teilen uns als Paar diese Aufgabe und mein Mann ist ein ebenso unersetzlicher Bestandteil der Familie, wie ich es bin. Mein Mann ist kein Hausarzt. In den letzten acht Jahren hat er, teils selbstgewählt, aber auch aufgrund befristeter Verträge, viermal die Stadt gewechselt, in der er arbeitete. Könnten Sie sich unter diesen Umständen für die nächsten 20 Jahre auf einen Wohnort festlegen? Weder mein Mann noch ich möchten, dass wir uns alle ausschließlich am Wochenende sehen. Unsere Doppelberufstätigkeit funktioniert zudem nur, weil wir uns beide in der Familie einbringen. Also suchen wir unsere Wohnung danach aus, ob sie mit der Bahn gut angebunden ist, um meinem Mann das Pendeln zu ermöglichen – Husum scheidet damit aus.

Inzwischen fahre auch ich täglich mit der S-Bahn von Berlin nach Brandenburg in meine Weiterbildungspraxis. Meine Idee war, anstatt im hohen Norden die hausärztliche Versorgung (mit) zu sichern, dies im wilden Osten zu tun. Es gibt eine nette Kollegin in Brandenburg, mit der ich mir eine Gemeinschaftspraxis gut vorstellen könnte. Der Takt der S-Bahn-Linie zu ihrer Praxis gilt jedoch als unregelmäßig und die Züge sind häufig überfüllt. Der Schritt in die Selbstständigkeit, unangenehmes Pendeln, zwei Kinder und dazu der Partner mit einem Job in einer anderen Stadt? Erschöpfungssyndrom: Ich komme!

Außerdem: Die Arbeitsverträge meines Mannes sind stets befristet. Niemand kann voraussehen, wo er in zehn Jahren beschäftigt sein wird. Vonseiten der Politik, in der Wirtschaft, sogar an den Universitäten verlangt man von Mitarbeitern ein Maximum an Flexibilität. Das hat seinen Preis. Unsere Generation neigt zum Nomadentum. Familien sind dagegen bemüht, ihren Kindern örtliche Kontinuität zu bieten. Das bedeutet, dass sie sich an Orten sammeln, die Verkehrsknotenpunkte sind, von denen die Eltern rasch zum nächsten befristeten Arbeitsverhältnis hetzen können. "Immer schön flexibel bleiben!" lautet das Mantra vieler Berufe. Der medizinische Nachwuchs ist nicht selten mit dem Vertreter einer solchen Berufssparte liiert. Hausarztmedizin beruht aber auf der "gelebten Anamnese" und auf Arzt-Patienten-Beziehungen, die kontinuierlich – und nicht befristet – sind.

Keine Landarztquote wird die hausärztliche Unterversorgung abwenden können. Weder ist der Frauenanteil in der Medizin schuld an der Misere, noch ist es allein die gegenüber den Radiologen geringere Vergütung.

Es gibt keine einfachen Antworten auf den Hausärztemangel. Unsere Gesellschaft hat sich verändert, der Hausärztemangel ist nur ein Indikator dafür. Wer ernsthaft nach Lösungen suchen will, wird über den Tellerrand der Medizin hinausschauen müssen.



Autor:

Sandra Blumenthal


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2018; 40 (5) Seite 32