Emil von Behring (1854 – 1917) gilt als Pionier der Schutzimpfung. Weltbekannt wurde er durch die Entwicklung von Antitoxinen gegen Diphtherie und Tetanus – Ende des 19. Jahrhunderts gefürchtete Krankheiten, die häufig tödlich verliefen. Mit der Gründung der Behringwerke bewies der Wissenschaftler darüber hinaus auch einen guten Geschäftssinn. Wir nehmen den 100. Todestag zum Anlass für einen Rückblick auf das Leben des berühmten Arztes und Forschers.

"In Berlin ist ein neuer Stern aufgegangen. Bei [Robert] Koch ist jetzt ein merkwürdiger Kerl, der Stabsarzt Behring. Er will bei Infektionskrankheiten innerlich desinfizieren und probiert alle möglichen Chemikalien daraufhin durch. Er ist von einer ganz unheimlichen Arbeitswut erfüllt und soll dabei von einer geradezu pedantischen Genauigkeit sein. Niemand im Institut kann sich seinem Einfluss entziehen und alle erwarten Ausserordentliches von ihm. Er selbst ist voll ungeheurem Selbstbewusstsein und sein eigener Prophet."

Dies ist ein Auszug aus der von Max von Gruber im April 2017 gehaltenen Gedenkrede auf Emil von Behring. Auch wenn es sich nur um eine Anekdote aus dem Mund des Koch-Schülers James Eisenberg handeln sollte: Der "merkwürdige Kerl" sollte mit seiner Selbsteinschätzung recht behalten. Emil von Behring war bei der Bekämpfung der Diphtherie so erfolgreich, dass er mit dem 1901 erstmals vergebenen Nobelpreis für Medizin geehrt wurde.

Mühsamer Start

Wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Erfolg waren dem jungen Behring nicht in die Wiege gelegt. Der am 15. März 1854 geborene Emil wuchs in den bescheidenen Verhältnissen eines Dorfschullehrerhaushalts im damaligen Hansdorf in Westpreußen auf. Emil war das fünfte von dreizehn Kindern, das erste Kind seiner Mutter Augustine, die der Vater nach dem Tod der ersten Ehefrau geheiratet hatte.

Schon als Jugendlicher wollte Behring Medizin studieren. Aus finanziellen Gründen fiel die Wahl auf die Pépinière, das Medicinisch-chirurgische Friedrich-Wilhelm-Institut in Berlin, in dem die preußischen Militärärzte ausgebildet wurden. Hier war das Studium kostenlos, jedoch mit der Verpflichtung zu einer achtjährigen Dienstzeit als Militärarzt verbunden. 1878 legte Behring seine medizinische Promotion über Neuere Beobachtungen über die Neurotomia opticociliaris vor, eine theoretische, auf Protokollen aus der Augenklinik der Berliner Charité basierende Arbeit.

Doch schon bald wandte sich der junge Arzt seinem Lebensthema, der Bekämpfung von Infektionskrankheiten und der damit verbundenen Frage von angeborener und erworbener Immunität, zu. So hatte er nach eigenen Worten als Arzt in Posen nicht nur die Gelegenheit, "Kranke zu elektrisieren", sondern will sich vom erhaltenen Honorar Meerschweinchen und Kaninchen gekauft haben, deren Käfige unter seinem Bett standen und mit denen er seine ersten Versuche anstellte.

Über das Zustandekommen der Diphtherie-Immunität

Als Behring Ende 1888 nach mehreren Stationen als Militärarzt in west- und ostpreußischen Kleinstädten sowie am pharmakologischen Institut der Universität Bonn nach Berlin zurückkehrte, fand er an dem von Robert Koch (1843–1910) geleiteten Hygieneinstitut eine ambitionierte Forschergruppe vor, deren Mitglieder sich im Umfeld der Bakteriologie einen Namen machen würden: Friedrich Löffler (1852–1915), der 1884 gemeinsam mit Edwin Klebs (1834–1913) den Erreger der Diphtherie identifizierte, Hermann Kossel (1864–1925), den Kliniker und späteren Hygieneprofessor in Gießen, und insbesondere Paul Ehrlich (1854–1915), der dank der Wertbestimmung der Antitoxindosis ganz wesentlichen Anteil am Erfolg des in Berlin entwickelten Diphtherieheilserums haben sollte. In diesem Umfeld gelang es Behring gemeinsam mit dem Japaner Shibasaburo Kitasato (1853–1935) und dem Freund Erich Wernicke (1858–1928), Forschungen zur künstlich erzeugten Immunität und zur Wirkung antitoxinhaltiger Blutseren durchzuführen.

Das am Tiermodell entwickelte neuartige Verfahren zeigte die folgenden wichtigen Ergebnisse:

  • Eine Substanz im Blutserum kann die giftigen Substanzen, welche von den Bakterien produziert werden, unschädlich machen.
  • Die Gift-zerstörenden Eigenschaften des Blutserums sind beständig.
  • Die Gifte bzw. Gegengifte sind auch im Körper anderer Lebewesen wirksam – und damit sind sie vom Tier auf den Menschen übertragbar.

Am 4. Dezember 1890 publizierte Behring gemeinsam mit Kitasato den Aufsatz "Ueber das Zustandekommen der Diphtherie-Immunität und der Tetanus-Immunität bei Thieren". Er erregte nicht nur in wissenschaftlichen Kreisen Aufsehen. Mit der auf dem Prinzip der passiven Immunisierung beruhenden Methode konnten künstlich infizierte Kleinsäuger dank der Seruminjektionen geheilt werden. Im Frühjahr 1894 wurde das Verfahren auf der Diphtheriestation des Instituts für Infektionskrankheiten auf akut an Diphtherie erkrankte Kinder übertragen. In Reihenuntersuchungen konnte man nachweisen, dass die in die Klinik eingelieferten kleinen Patienten mit dem Diphtherieserum geheilt werden konnten.

Die Industrie ruft

Diese Arbeit erregte auch die Aufmerksamkeit der Farbwerke in Höchst. Die 1863 gegründeten Farbwerke produzierten zunächst Teerfarben, sahen sich aber im Zuge sich vergrößernder Konkurrenz auf dem Farbenmarkt gezwungen, ihre Produktpalette um Pharmazeutika zu erweitern. Zunächst sollte die Volkskrankheit Tuberkulose von Höchst aus mit dem von Robert Koch entwickelten Tuberkulin bekämpft werden – bekanntlich ohne Erfolg. Auch der Diphtherie fielen, wie die Mortalitätsstatistiken des Kaiserlichen Gesundheitsamtes zeigten, viele Menschen – vor allem Kinder – zum Opfer: In Preußen starb Anfang der 1880er-Jahre jedes dritte Kleinkind zwischen drei und sechs Jahren an der Infektion, und da auch andere Länder wie beispielsweise Ungarn von Diphtherieepidemien heimgesucht wurden, versprach der Vertrieb eines wirksamen Diphtherieheilmittels lukrative Umsätze. Bereits im Dezember 1892 gab es einen ersten Vertrag zwischen Höchst und Behring. 1894 wurde eine Serumanstalt errichtet. Schon in den ersten Monaten wurden mehr als 75.000 Fläschchen Heilserum verkauft. Der Gesamtreingewinn im ersten kompletten Betriebsjahr 1895 betrug mehr als 700.000 Mark, wovon Behring anteilig 50 %, somit 350.000 Mark, für ein Jahr erhielt.

1895 erhielt Behring einen Hygienelehrstuhl an der Universität Marburg. Der Name Behring wurde dank der beeindruckenden Wirkungsweise des Diphtherieheilmittels weltberühmt. Briefe aus Europa, Russland und Übersee trafen in Marburg ein, in denen dankbare Eltern den "Retter der Kinder" priesen.

Den offiziellen Höhepunkt der wissenschaftlichen Anerkennung bildete neben zahlreichen Preisen und Ehrenmitgliedschaften der erstmals vergebene Nobelpreis für Medizin. Dabei nutzte das Nobelkomitee die internationale Bekanntheit ihres ersten Preisträgers, um dem sich 1901 gerade erst etablierenden Preis durch die Entscheidung für Behring seinerseits ein weltweites Renommee zu verleihen.

"Mächtig und steinreich"

"Steinreich" wurde Behring nicht, wie oft angenommen, durch die Summe des Nobelpreises – die damals knapp 170.000 Mark entsprechen heute etwa 1 Million Euro –, sondern durch die einträgliche Kooperation mit der pharmazeutischen Industrie. Nach der auf starke Differenzen zurückgehenden Trennung von den Farbwerken gründete Behring zunächst gemeinsam mit dem Apotheker Carl Siebert das auf Tierseren spezialisierte Behringwerk, aus dem 1914 die Behringwerke Bremen und Hamburg GmbH hervorgingen. 1916, knapp ein Jahr vor seinem Tod, zog er sich, gerade 62-jährig und von Krankheit gezeichnet, von allen Geschäften und universitären Aufgaben zurück.

Nach dem 1. Weltkrieg geriet Behring etwas in Vergessenheit, man sah in ihm nur noch den Schüler des großen Koch. Eine Wiederentdeckung seiner Person setzte – massiv befördert durch den Archivar der Behringwerke, Alexander von Engelhardt, – während des Nationalsozialismus ein. Obwohl Behring nach nationalsozialistischem Sprachgebrauch mit der "Halbjüdin" Else von Behring (1876–1936) verheiratet war, wurde er als "großer Deutscher" heroisiert. Die Feierlichkeiten zum 50. Jubiläum der Serumtherapie im Jahr 1940 fanden ihren Höhepunkt in Marburg, wo unter dem Motto "Die Welt dankt Behring" eine Behring-Feier ausgerichtet und ein Behring-Denkmal eingeweiht wurde.

In der heutigen medizinhistorischen Forschung wird Behrings Leistung als Erfinder der Serumtherapie weiterhin gewürdigt, dabei wird der Fokus jedoch auch auf die Förderung seiner Forschungen durch die staatlichen Organe und die pharmazeutische Industrie gerichtet. Wie man heute weiß, wäre der beeindruckend schnelle Durchbruch bei der Bekämpfung der Diphtherie ohne die Einbindung in das Berliner Forschungsnetzwerk im Umkreis Robert Kochs, zu dem insbesondere Kitasato, Wernicke und Ehrlich gehörten, nicht möglich gewesen.



Autor:
Dr. phil. Ulrike Enke
Emil-von-Behring-Bibliothek
Arbeitsstelle für Geschichte der Medizin der Philipps-Universität Marburg
35037 Marburg

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (13) Seite 82-84