Kein anderer Teil unseres Organismus hat einen höheren Symbolwert als das Herz. Dabei ist es doch nur ein faustgroßer Hohlmuskel, der unermüdlich Blut durch unsere Adern pumpt. Seine Bedeutung aber reicht in der Religion, der Literatur, der Kunst und der Philosophie weit in die Menschheitsgeschichte hinein.

Der Schweizer Kardiologieprofessor Franz Nager hat dies geschickt differenziert. Er unterscheidet zwischen der klinischen Kardiologie (von dem griechischen kardia) und der menschlichen Kordiologie (von dem lateinischen cor): Das kardiologische Herz pumpt, wird arrhythmisch oder insuffizient, das kordiologische Herz hingegen ist verliebt, jauchzt, seufzt oder weint. Noch vor ein paar hundert Jahren wäre es, unabhängig von den fehlenden medizinischen Mitteln, undenkbar, ja frevelhaft gewesen, überhaupt nur zu erwägen, einem Menschen dieses Organ wegzunehmen und durch das Herz eines anderen zu ersetzen. Dann, vor etwas mehr als hundert Jahren, gab es erste Experimente dazu: Alexis Carrel und Charles Claude Guthrie führten erstmalig die Herztransplantation an einem Hund durch und entwickelten dazu geeignete Konservierungsstrategien. Am Menschen wurde diese utopische Vorstellung exakt vor einem halben Jahrhundert verwirklicht. Nach jahrelangen eigenen Untersuchungen und gestützt auf experimentelle Arbeiten von Vladimir Demikhov war Norman Shumway aus Kalifornien 1967 für die Premiere einer Herztransplantation am Menschen bereit. Doch der ehrgeizige Christiaan Barnard aus Südafrika hatte ein Jahr zuvor bei ihm die Technik erlernt und überholte ihn so in der Auseinandersetzung um das Primat der ersten menschlichen Herztransplantation um wenige Wochen. Am 3. Dezember 1967 leitete er in Kapstadt das 31-köpfige Transplantationsteam, dem erstmals dieser Eingriff gelang. Dieser war zwar technisch erfolgreich, doch der Patient starb Tage danach an einer Infektion. Am 2. Januar 1968 operierte Barnard erneut und sein zweiter Patient, der Zahnarzt Philip Blaiberg, überlebte 19 Monate mit dem verpflanzten Herzen.

Als Autogramme sammelnder Gymnasiast bat ich damals den Operateur und seinen Patienten in meinem besten Schulenglisch per Luftpost um ihre Unterschrift. Beide haben nach einigen Wochen geantwortet: Professor Barnard mit einer eigenhändig unterzeichneten Fotografie (Abb. 1), Dr. Philip Blaiberg mit einem kopierten, aber persönlich unterschriebenen Dankschreiben (Abb. 2).

Inzwischen ist diese Operationsoption auch in unseren Praxen angekommen. Bei mehreren hundert Herztransplantationen pro Jahr in Deutschland (2016: 297) müssen sich sogar Hausärzte damit auseinandersetzen, dass manchen ihrer Patienten nur mit einem neuen Organ geholfen werden kann. Von den Umständen eines solchen Eingriffes, aber auch von der Routine und der Selbstverständlichkeit der Kardiochirurgen ist man selbst nach fast vierzig Arztjahren sehr beeindruckt. So kommt auch ein Funken dieses wissenschaftlichen Glanzes in hausärztliche Niederungen und man ist stolz, diese fünfzig Jahre eines umwälzenden medizinischen Fortschritts erlebt haben zu dürfen.



Autor:

Dr. med. Fritz Meyer

Facharzt für Allgemeinmedizin, Facharzt für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Sportmedizin, Ernährungsmedizin (KÄB)
86732 Oettingen/Bayern

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2018; 40 (1) Seite 78-79