Wer kennt das nicht: Man ist genervt von einem Patienten, der ständig mit Wehwehchen in der Praxis erscheint, ohne dass sich ein Befund ergibt. "Der hat ja sowieso nichts", denkt man dann vielleicht. Leider habe ich mich dabei auch schon selbst erwischt. Wie wichtig es jedoch ist, jeden Patienten mit seinen Beschwerden ernst zu nehmen und jedem die Zeit zu geben, die er benötigt, auch wenn man noch so gestresst und auch manchmal genervt ist, zeigt folgendes Fallbeispiel aus meiner Sprechstunde als junge Allgemeinmedizinerin in Teilzeit in einer Gemeinschaftspraxis.

Es war ein ganz gewöhnlicher Nachmittag in meiner Sprechstunde. Herr S. saß vor mir, ein noch recht junger Mann, 45 Jahre alt, etwas ungepflegt, arbeitslos, aus einfachen Verhältnissen. Wesentliche Vorerkrankungen bestanden nicht, außer einer Jahre zurückliegenden Depression, die ambulant durch einen psychiatrischen Kollegen behandelt worden war. Seit dieser Zeit war Herr S. psychisch stabil, benötigte keine Medikamente mehr und kam äußerst selten in die Praxis.

Ich hatte Herrn S. selten gesehen, konnte mich aber heute in meiner Sprechstunde gut an ihn erinnern: Er war sonst ein gut gelaunter, zufriedener Mensch. So wie er aber jetzt vor mir saß und sprach, kannte ich ihn nicht. Irgendetwas stimmte mit ihm nicht, da war ich mir ganz sicher. Herr S. beklagte eine seit Tagen bestehende, ungewöhnliche Müdigkeit, hatte weniger Appetit, es sei alles irgendwie "komisch". Andere, wirklich greifbare Symptome bestanden nicht.

Einfach wäre es natürlich gewesen, wieder ein Antidepressivum zu verordnen oder eine Überweisung zum Psychiater auszustellen, und der Fall wäre erst einmal abgeschlossen.

Der Patient hatte keinerlei Schmerzen. Herz- und Lungenauskultation, eine Sonographie des Abdomens, ein Ruhe-EKG sowie eine orientierende neurologische Untersuchung waren unauffällig, ebenso Blutdruck, Puls, Gewicht und Körpertemperatur. Auch Blutbild, Leber- und Nierenwerte und Entzündungsparameter lagen im Normbereich. Einen Tag nach der Blutuntersuchung saß Herr S. erneut in meinem Sprechzimmer, dieses Mal in Begleitung seiner Mutter; Frau oder Kinder hatte Herr S. nicht.

Wir sprachen noch einmal über seine Beschwerden. Mit dem Wissen, dass Herr S. in der Vergangenheit unter einer Depression gelitten hatte, fragte ich ihn nun auch, ob er sich häufig niedergeschlagen, traurig, bedrückt oder hoffnungslos fühlte, ob er wenig Lust und Freude für Dinge empfände, die ihm sonst Spaß bereitet hatten. Herr S. konnte keine meiner Fragen klar bejahen, schloss aber eine depressive Phase nicht aus, zumal er es aus der Vergangenheit kannte; am meisten quälte ihn nach wie vor die extreme Müdigkeit und Antriebslosigkeit, die zu einer Depression passen könnte. Die Mutter von Herrn S. fand ihren Sohn auch "ziemlich depressiv" – so kenne sie das von ihm.

Eine Depression zu erkennen, ist oft nicht leicht, denn viele Patienten können nicht gut und nicht auf Anhieb über ihr seelisches Empfinden sprechen. Bei Herrn S. lag eine depressive Episode zwar nahe, aber ich konnte auch weiterhin eine organische Ursache nicht sicher ausschließen. Außerdem hatte ich intuitiv das Gefühl, dass hier irgendetwas nicht stimmte. Da er eine stationäre Einweisung zur Vertiefung der Diagnostik ablehnte, wollte ich ambulant ein kraniales MRT veranlassen. Leider lehnte der Patient das ab: "So wichtig ist das doch nun auch nicht, ich habe außerdem Platzangst in dieser Röhre."

Ein paar Tage später kam Herr S. nochmals in die Praxis, lief überall umher, rannte in das Sprechzimmer meines Kollegen, weil er dachte, dort sei die Toilette. Herr S. war verwirrt und desorientiert, die stationäre Einweisung lehnte er weiterhin ab; für eine Zwangseinweisung reichten die Symptome nicht aus. Irgendwann später am Tage rief seine Mutter in der Praxis an, sie wolle nun doch eine Krankenhauseinweisung für ihren Sohn abholen.

O. K., endlich, dachte ich. Also ließ ich mich mit der aufnehmenden Kollegin im Krankenhaus verbinden, um ihr schon mal ein paar Infos zu geben von wegen MRT etc. Leider war die Kollegin sehr unfreundlich und genervt: "Was soll der Patient denn bei uns? Schicken Sie ihn doch in die Psychiatrie." Dann legte sie auf. Schlussendlich wurde der Patient im Krankenhaus dann doch noch kurz untersucht und wieder nach Hause geschickt. Aufgrund einer dramatischen Verschlechterung seines Zustandes wurde Herr S. noch am selben Tag von seinen Angehörigen in eine andere, neurologische Klinik gebracht. Hier erfolgte dann endlich ein MRT des Kopfes mit dem niederschmetternden Ergebnis eines Glioblastoms. Ich war wirklich schockiert, aber auch zugleich froh darüber, dass ich diesen Patienten ernst genommen und nicht abgestempelt hatte, auch wenn es in diesem Fall wenig Konsequenzen hatte. Leider hatte Herr S. keine Chance, er verstarb nur drei Monate später.



Autorin:

Anna Junge

Fachärztin für Allgemeinmedizin
49808 Lingen an der Ems

Interessenkonflikte: Die Autorin hat keine deklariert



Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2019; 41 (15) Seite 46-49