Das war schon ein Knalleffekt, den die Autoren der Querschnittsstudie des Instituts für Allgemeinmedizin an der Universität zu Lübeck beim 53. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) ausgelöst haben. Aufgerüttelt hatten sie mit den Ergebnissen einer Befragung von 491 Hausärzten, die angegeben hatten, weder vor der Niederlassung noch in der unmittelbaren Zeit danach über einen Investitionsplan zu verfügen. Damit, so hieß es weiter, geben sie quasi ihre Finanzhoheit gleich mit ab, weil sie auf wirtschaftliche und finanzielle (Fehl-)Entwicklungen allenfalls noch reagieren und kaum mehr aktiv agieren können.

Wirtschaftliches Denken: Fehlanzeige!

Es kommt aber noch schlimmer. Hausärzte zeigen umso weniger ein wirtschaftliches Verständnis, je jünger sie sind. Bei älteren Hausärzten ist ein besseres wirtschaftliches Verständnis vorhanden (68 %) als bei jüngeren Hausärzten (47 %). Die Mehrheit (52 %) ließ sich trotz dieser Defizite aber auch nicht von professionellen Beratern unterstützen. Aber gerade in Zeiten vor oder unmittelbar nach der Praxisgründung sollten finanzielle Aspekte ganz obenan stehen. Dies gilt insbesondere dann, wenn die Eigenmittel für die Praxisgründung nicht ausreichen.

So rieben sich die Teilnehmer dieser DEGAM-Veranstaltung dann schon verwundert die Augen, als sie mit diesen weiteren konkreten Fakten konfrontiert wurden:
  • 60 % aller Teilnehmer an der Studie entwickelten erst nach der Niederlassung ein wirtschaftliches Verständnis.
  • 7 % legten auch danach keinerlei wirtschaftliches Denken an den Tag.
  • Zwei Drittel aller befragten Hausärzte erstellen keinen Investitionsplan. Diejenigen 35 %, die über einen Investitionsplan verfügten, hatten diesen primär für ihre Bank erstellt.

Doch auch das ist noch längst nicht alles: In ihre Investitionspläne bezogen lediglich 4 von 10 Hausärzten Risikofaktoren und ein daraus resultierendes Risikomanagement mit ein. Und: Wenn schon in einer Praxis investiert wurde, spielten monetäre Gründe eine untergeordnete Rolle. Dafür waren andere Beweggründe ausschlaggebend: Dazu gehören zum Beispiel Reinvestitionen nach dem Ausfall von medizinischen Geräten, gesetzliche Anforderungen, Prozesse zur Entlastung des Personals oder auch Maßnahmen, um zu einem besseren Erscheinungsbild der Praxis zu gelangen. Erst an 7. Stelle wurden ökonomische Gründe in Form von Gewinnsteigerungen als Gründe zur Erstellung eines Investitionsplans genannt.

Zu Weiterbildung gehört auch das Praxismanagement

Welche Schlussfolgerung ist nun aus diesen doch alarmierenden Ergebnissen zu ziehen? Da die potenziellen Risiken und unvorhergesehenen Entwicklungen gerade von jungen Hausärzten insgesamt viel zu wenig beachtet werden, sollte – nein muss – die Aus- und Weiterbildung angehender Hausärzte künftig die Punkte Finanzierung und Praxismanagement deutlich stärker in den Fokus rücken. Diese Erkenntnis ist vielleicht nicht neu, in finanziell unsicheren Zeiten und in Zeiten, in denen immer mehr junge Ärzte die Selbstständigkeit scheuen, jedoch brisanter denn je. Bleibt zu hoffen, dass diese aus einer Doktorarbeit resultierenden Ergebnisse weit über den wissenschaftlichen (Kongress-)Blick hinaus auch (berufs-)politisch weite Kreise ziehen mögen.


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Raimund Schmid


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2019; 41 (18) Seite 40