Hin und wieder kann es sich lohnen, einen Blick über die Landesgrenzen zu werfen und die Situation von Hausärzten in anderen europäischen Ländern kennenzulernen. Eine Möglichkeit dazu bietet das Hippokrates-Austauschprogramm des Vasco da Gama Movement (VdGM). Wie dieses abläuft, schildert Dr. Christian Rechtenwald, Vorstand für internationale Zusammenarbeit bei der Jungen Allgemeinmedizin Deutschland (JADE).

Früher war nicht alles besser. Ein junger Arzt, der sein Glück in der Ferne suchte, packte seine Siebensachen und machte sich auf die Reise – deren Ziel oft so gar nicht den Berichten und eigenen Vorstellungen entsprach. Während Dr. Knock in seiner Komödie ganz vorzüglich mit den ungeahnten Widrigkeiten einer Praxisübernahme auf dem fernen Lande zurechtkam, ging der berufliche Ortswechsel in der Realität oft in die Hose.

Junge und junggebliebene deutsche Allgemeinärzte haben inzwischen zahlreiche Möglichkeiten, mehr über die Arbeit in anderen Flecken unseres schönen Landes zu erfahren. Den kollegialen Austausch ermöglichen neben persönlichen Freundschaften Stammtische, Fortbildungskongresse, Internetangebote oder auch die leider wenig genutzte Hospitationsbörse der DEGAM.

Ein Mauerblümchendasein fristet hingegen immer noch der internationale Austausch von Hausärzten. Das eigene Land hinter sich zu lassen und die kulturellen wie systembedingten Eigenheiten der hausärztlichen Tätigkeit an anderen Orten der Welt zu erfahren, aber auch den Blickwinkel auf die eigene Tätigkeit mit ihren Freuden und Widrigkeiten zu erweitern, kann ebenso erfüllend sein wie die Freundschaften, die daraus mitunter entstehen.

Grundlage sind die Verbindungen, die über das Vasco da Gama Movement (VdGM), die europäische Organisation junger Allgemeinmediziner, geknüpft wurden. Verschiedene Wege zum kollegialen Zusammensein und Hospitieren können beschritten werden. Im großen Rahmen der europäischen WONCA-Kongresse bietet die Vorkonferenz des VdGM stets auch ein optionales Hospitationsprogramm für die Tage davor an. Selbiges gilt auch für die eigenständigen VdGM Forum-Kongresse.

Ein wenig persönlicher geht es auf den nationalen europäischen allgemeinärztlichen Kongressen zu. In vielen Ländern, seit 2016 auch in Deutschland, gibt es Conference Exchanges. Zwischen einer Handvoll und einem Dutzend internationale Kollegen aus verschiedenen Ländern hospitieren vorab für zwei Tage in einer Gastpraxis und können am Tag vor dem eigentlichen Kongressbeginn in einem Workshop über ihre Erfahrungen und die Besonderheiten ihres eigenen Gesundheitssystems berichten.

Die Freude des kollegialen Beisammenseins

Die persönlichste Art des Austauschs aber bietet das Hippokrates Exchange Programme. Über die nationalen Austauschkoordinatoren der beteiligten Länder wird ein hospitationswilliger Kollege für ein bis vier Wochen in eine Gastpraxis des gewünschten Landes vermittelt. Die Ausgestaltung des Austauschs, zum Beispiel eine tageweise Vermittlung in umliegende Praxen, Ambulanzen oder zu weiteren Gesundheitsdienstleistern, obliegt dem Gastgeber. Eine Kostenübernahme findet dabei nicht statt, einige engagierte Gastgeber beherbergen die Hospitanten in ihren eigenen vier Wänden und lassen sie mehr oder weniger intensiv an ihrem nichtmedizinischen Leben teilhaben. Für viele Gastgeber ist dies eine willkommene Möglichkeit, ihren Horizont zu erweitern, ohne dafür zu verreisen und ihren Urlaub opfern zu müssen. Als zusätzliche Motivation für einen gelungenen Austausch werden jährlich Preise vergeben, die einen kostenlosen Besuch des nächsten WONCA-Kongresses ermöglichen.


Die Freude des kollegialen Beisammenseins, beruflich-professionell, aber auch darüber hinaus, sowie das Erkennen der vielen Gemeinsamkeiten, die uns Allgemeinärzte über alle Grenzen hinweg verbinden, sind eine bleibende Bereicherung des Berufsalltags. Der Blick über den Tellerrand hilft uns von Zeit zu Zeit dabei, neue Lösungen für unsere täglichen kleinen und großen Nöte zu finden. Persönlich schätze ich vor allem die besondere Energie, welche mich nach jedem erlebten Austausch beschwingt in meinen Alltag zurückkehren ließ.

Gastgeber oder Gast sein?

Die einfachste Art einer Beteiligung ist die Gastgeberschaft im Hippokrates-Hospitationsprogramm. Realistisch sind jährlich zwischen null und zwei Hospitationsgäste möglich, eine Flut von Anfragen seitens der Austauschkoordinatorin ist nicht zu befürchten. Da die überwiegende Zahl der Konsultationen auf Deutsch stattfindet, wird von den Hospitanten ein gewisses Maß an Deutschkenntnissen erwartet, zusätzliche Sprachkenntnisse auf Gastgeberseite – die diese gerne einmal wieder aufbessern möchten – sind jedoch gerne gesehen.

Die nächsten Konferenzen von VdGM
sind die Vorkonferenz zum WONCA-Kongress in Bratilava vom 26.–29.06.2019 sowie das VdGM-Forum vom 27.–29.09.2019 in Turin. Beide Veranstaltungen bieten zuvor ein Hospitationsprogramm an. Conference Exchanges finden – entsprechend den nationalen Konferenzen – das ganze Jahr über statt. Diese werden u. a. über die JADE- und VdGM-Webseiten publiziert. Besonders beliebt ist die niederländische LoVaH-Konferenz, die seit Jahren für ausländische junge Kollegen ein komplettes Sponsoring inklusive Unterkunft und Rahmenprogramm anbietet. Ähnlich professionell geht es auf der britischen RCGP-Konferenz zu. Auch in Frankreich, Italien, Spanien, Portugal, Kroatien und Rumänien sind Conference Exchanges etabliert. Ein weiteres Format mit Conference Exchange im "17. Bundesland" ist das seit Jahren etablierte "Balearic Meeting of young GPs" im Spätsommer.

Selbstverständlich ist es auch möglich und erwünscht, sich selbst auf die Reise zu begeben. Ein grober zeitlicher Horizont und ein Zielland reichen aus, um die Fühler auszustrecken. Eine Festlegung auf einen bestimmten Termin und Ort kann sich als hinderlich beim Finden eines geeigneten Gastgebers erweisen. Sprachkenntnisse in der Umgangssprache des Ziellandes sind grundsätzlich nicht Voraussetzung, aber von großem Vorteil.

Eine echte Bereicherung

Die Intention hinter diesem Artikel ist, einen Überblick über die Wege der internationalen Hospitation zu geben. Persönlich bin ich über eine nüchterne Anzeige im JADE-Forum in die Austauschwelt hineingestolpert und würde mich heute wahnsinnig ärgern, wenn ich diese Bereicherung meines Lebens verpasst hätte. Ich freue mich sehr darauf, in Porto und Krakau liebgewonnene Freunde wiederzutreffen und im kommenden Jahr den ersten Hippokrates-Gast in unserer Praxis willkommen zu heißen.



Autor:
Dr. med. Christian Rechtenwald

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2019; 41 (6) Seite 28-29