Kein Zweifel: Der finanzielle gut bestückte Innovationsfonds war überfällig. Das zeigt auch das Antragsvolumen, das sämtliche Erwartungen weit übertroffen hat. Allein im Jahr 2016 gingen Anträge in Höhe von 1,7 Mrd. Euro ein. Das zeigt: Es gab und gibt einen Riesen-Innovationsstau gerade bei Versorgungs-(Forschungs-)Projekten, von denen auch die Hausärzte an der Basis profitieren könnten. Sollte man zumindest meinen.

Schlechtes Zeugnis

Doch dem ist nicht so. Kein Geringerer als Prof. Holger Pfaff, Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats des Innovationsausschusses, hat jetzt dem Innovationsfonds ein schlechtes Zeugnis ausgestellt. So fehlen z. B. Forschungsanträge über krankheitsübergreifende Strategien oder innovative Ansätze, die mehrere Bereiche des Sozialrechts berücksichtigen. Zudem mangelt es auch an Strategien, in denen die Krankenversorgung mit der Pflege, der Rehabilitation oder der Prävention verknüpft wird. Gerade der Zusammenhang zwischen Krankenversorgung und Pflege spielt ja im hausärztlichen Alltag aufgrund der demographischen Entwicklung eine immer größere Rolle. Viel zu viele Anträge befassen sich hingegen mit E-Health, Telemedizin und Telematik. Dabei sind gerade im eigentlich auf Zuwendung ausgerichteten (haus)ärztlichen Medizinbetrieb IT-Lösungen nicht immer die besten, räumt Pfaff zu Recht ein.

Welche Projekte müssten verstärkt in den Fokus rücken, damit auch die Hausärzte und die von ihnen betreuten Patienten stärker vom Innovationsfonds profitieren könnten? Notwendig wären bspw. deutlich mehr Vorhaben zur Arzneimitteltherapiesicherheit, zur vernetzteren und ganzheitlicheren Betreuung älterer Menschen oder auch zur Versorgung in strukturschwachen Regionen. Oder aber Modelle für eine bessere Betreuung von Bewohnern im Altenheim, bei der eigentlich Haus- und Fachärzte viel enger an einem Strang ziehen müssten.

Multimorbidität sucht noch nach Lösungen

Mehr Mittel könnten auch durchaus in die Entwicklung von Leitlinien fließen. Die neue und aus Sicht der Hausärzte längst überfällige S3-Leitlinie Multimorbidität der DEGAM, die bei der practica 2017 in Bad Orb vorgestellt worden ist und noch in diesem Jahr erscheinen soll, zeigt, wie groß hier der Nachholbedarf ist. In Zeiten der Überalterung und Multimorbidität sind es vor allem krankheits- und sozialleistungsübergreifende Versorgungsmodelle, auf die die Allgemeinärzte zunehmend angewiesen sind. Gut, dass die Entscheidungsträger des Innovationsfonds dies nun in diese Richtung verändern wollen.

Man darf es aber mit der Forschung auch nicht auf die Spitze treiben. Wenn Prof. Josef Hecken, Chef des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), jetzt fordert, die Delegation und Substitution ärztlicher Tätigkeiten ins Visier zu nehmen, hat er manche Entwicklungen wohl nicht richtig mitbekommen. Die Versorgungsassistentin in der Arztpraxis, ohne die viele Hausärzte gar nicht mehr auskämen, hat ihren hohen Wert in der Arztpraxis längst unter Beweis gestellt.

Zudem muss auch nicht alles erforscht werden. Manche Forderung, wie etwa ein Psychotherapeut, der Medikamente verordnet, ist derart daneben, dass das vermeintlich Innovative schon ins Groteske abdriftet, meint Ihr

Ihr Raimund Schmid



Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (20) Seite 44