Viele gesundheitspolitische Entscheidungen, die in den nächsten Jahren getroffen werden, werden stark davon abhängen, welche Prioritäten die nun neu gewählte Bundesregierung setzen wird. Ein Trend wird aber in jedem Fall unumkehrbar sein: Immer mehr Ärzte werden im Angestelltenverhältnis arbeiten und sich somit als Vertragsärzte verabschieden. Der Bundesverband der Medizinischen Versorgungszentren geht bis 2022 von einer Angestelltenquote von 30 bis 40 % aus. Das wird die Versorgungslandschaft gravierender umstülpen als manche Entscheidung des künftigen Gesundheitsministers oder der nun tonangebenden Regierungsparteien.

MVZ schließen keine Versorgungslücken

Dass diese gewagten Prognosen durchaus eintreffen könnten, zeigt ein Blick zurück ins Jahr 2004, das Jahr, in dem erstmals fachübergreifend angelegte Versorgungsformen wie etwa die Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) möglich wurden. 2004 sind die ersten 250 MVZ-Ärzte ins kalte Wasser gesprungen. 2008 waren es bereits 5.536. Bis 2012 hat sich deren Anzahl auf 12.000 erneut mehr als verdoppelt. Und 2016 waren es erneut 4.000 Ärzte mehr gewesen, die eine Arbeit im MVZ der eigenen Niederlassung vorgezogen haben. Zwar arbeiten 1.450 der 16.000 MVZ-Ärzte auch Ende 2016 noch als Vertragsärzte. Die weit überwiegende Mehrzahl von 14.560 Ärzten zog aber eine Arbeit als angestellte Ärzte vor. Und dieser Trend hält weiter an, da das GKV-Versorgungsstärkungsgesetz nun die Voraussetzungen dafür geschaffen hat, dass ein MVZ auch mit Ärzten nur einer Fachgruppe gegründet werden kann.

Doch jenseits all dieser bemerkenswerten Statistiken wird das Wachstum der MVZ immer noch von Mythen begleitet, mit denen nun endlich aufgeräumt werden sollte. So tragen die MVZ kaum dazu bei, Versorgungslücken auf dem Land zu schließen. Nur 13,5 % aller MVZ befinden sich auf dem Land, fast die Hälfte dagegen in großen Städten und 39 % in sogenannten Mittel- und Oberzentren. Als Träger von MVZ fungieren nicht in erster Linie Krankenhäuser (1.010), sondern Vertragsärzte (1.120). Absolut gesehen bilden die Hausärzte (2.338) die relative Mehrheit, wobei sie allerdings nur einen Anteil von 15 % aller MVZ-Ärzte ausmachen.

Noch viele offene Fragen

Doch politisch wird dieser Trend gerade in der Selbstverwaltung viele neue Fragen aufwerfen, die in dieser Legislaturperiode zu tief einschneidenden Schritten führen werden. Passen angestellte Ärzte überhaupt noch in das Raster der auf die selbstständigen Ärzte ausgerichteten KVen, auch wenn diese schon Ausschüsse für angestellte Ärzte eingerichtet haben? Und wer soll in Zukunft das eine Drittel der Ärzte, die angestellt arbeiten wollen, berufspolitisch in der KBV vertreten? Muss da nicht bald neben den Haus- und Fachärzten ein dritter Vorstandsposten für angestellte Kollegen her?

Vieles wird also in den nächsten Jahren zur Disposition gestellt werden müssen und die jetzigen Strukturen mehr und mehr ins Wanken bringen. Die neuen Verantwortlichen in der Berufs- und Gesundheitspolitik und speziell in der Selbstverwaltung sind darum wahrlich nicht zu beneiden,

Ihr Raimund Schmid



Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (18) Seite 36