Wer kennt dieses Problem nicht als Hausarzt? Leitlinien (LL) über Leitlinien, die man allesamt unter einen Hut bringen muss, was aber gerade im Praxisalltag bei multimorbiden Patienten nicht immer gelingen kann. Gut, dass die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) für Allgemeinärzte die S3-LL "Multimorbidität" publiziert hat. Doch kommen die Hausärzte mit dieser LL in der Praxis auch klar? Dieser Frage ist nun das Institut für Allgemeinmedizin am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein nachgegangen. An der Praxisstudie haben sich am Ende 9 Hausärzte und 11 Patienten aktiv beteiligt

Die Ergebnisse:
  • Mit den Inhalten der LL und der notwendigen Patientenpräferenz können sich die Hausärzte gut identifizieren, zumal sich viele im Algorithmus des hausärztlichen Handelns wiederfinden.
  • Die LL kann für die individuelle und ganzheitliche Behandlung von Patienten eine strukturgebende Orientierung geben.
  • Die Hausärzte sehen aber auch den wissenschaftlichen Wert der LL gerade in Bezug auf eine valide Darstellung des Fachs Allgemeinmedizin in der medizinischen Landschaft und als fachliche Grundlage in Verhandlungen mit den Leistungsträgern.

Es kann noch etwas verbessert werden

Natürlich ist auch bei dieser LL nicht alles im Lot. Zu wenig wird etwa auf die vertiefte Thematik spezieller Beratungsanlässe wie z. B. auf psychische Symptome eingegangen. Oder es werden dringend notwendige Veränderungen in den Versorgungsstrukturen – wie die Verfügbarkeit nicht medizinischer Berufsgruppen (etwa Sozialarbeiter) oder die unzureichende Vernetzung der Berufsgruppen – nicht ausreichend thematisiert. Zudem fehlen Tools, die die alltägliche Arbeit ganz praktisch erleichtern (etwa das Herausstellen psychosozialer Kontexte). Schließlich wird von den Hausärzten eine stärkere Priorisierung der Medikation gewünscht.

Hilfreiche Patienteninformation

Die ergänzende Patienteninformation, in der eine größere Eigenverantwortung und Eigenengagement des Patienten eingefordert wird, wird von den Ärzten zwar als hilfreich angesehen. Andererseits sieht eine Reihe von Ärzten den Text der Patienteninformationen als sprachlich zu kompliziert und inhaltlich zu komplex an. Die Patienten selbst sehen sich durch die Patienteninformation hingegen eher ermutigt, die Zusammenarbeit mit dem Arzt zu verbessern und sich stärker aktiv einzubringen. Ein Patient zeigte sich z. B. erfreut darüber, "dass ich jetzt vielleicht verstärkt hingehe und sage: So, ich möchte mal über das Thema sprechen, wie können Sie mir noch besser helfen, wie geht das?"

Die vielleicht wertvollste Erkenntnis aus der Leitlinie ist aber ganz grundsätzlicher Art: So wird mehrheitlich der Wunsch geäußert, dass auch diejenigen LL, die rein auf Einzelerkrankungen ausgerichtet sind, künftig weit stärker auf die spezifische Situation multimorbider Patienten angepasst werden müssen. Brauchen wir also neue LL für die LL? Es scheint so. Das wäre aber schon ein gewaltiger Paradigmenwechsel, der dann jedoch die Realität in der Praxis viel besser abbilden würde und der das tägliche Geschäft der Allgemeinärzte mit ihren multimorbiden Patienten deutlich erleichtern würde.


Das meint Ihr
Raimund Schmid

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2019; 41 (8) Seite 34