Wie immer mit einer großen zeitlichen Verzögerung hat die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) nun ihren Honorarbericht für die ersten beiden Quartale 2016 vorgelegt. Für den hausärztlichen Versorgungsbereich zeigt sich darin wieder ein leichter Zuwachs, aber 10 bis 20 % der ärztlichen Leistungen würden nach wie vor nicht bezahlt, kritisiert die KBV.

Fakt sei, dass fast jede zehnte ärztliche Leistung nicht honoriert werde, weil sie die Budgetgrenze der gesetzlichen Krankenversicherung überschreitet, stellte der KBV-Vorstandsvorsitzende Dr. Andreas Gassen klar. Darauf reagiere die KBV nahezu jedes Jahr aufs Neue mit der Forderung, ärztliche Leistungen aus dem Budget zu nehmen. Wenn die Politik und die Krankenkassen nun gerade noch mehr Leistungen, wie z. B. längere Sprechstundenzeiten, von den Ärzten verlangen, dann müssen sie auch dafür sorgen, dass diese angemessen vergütet werden, forderte Gassen bei der Vorstellung des aktuellen Honorarberichts.

Zuwachs vor allem extrabudgetär

Im 1. Quartal 2016 betrug das Plus bei den Honorarumsätzen der Vertragsärzte und -psychotherapeuten demnach gegenüber dem Vorjahresquartal 2,6 % (56.716 €), im 2. Quartal 4,1 % (56.379 €) (Tabelle 1). Dieser Anstieg gehe aber vor allem auf das Konto extrabudgetärer Leistungen: Während die morbiditätsbedingte Gesamtvergütung (MGV) lediglich um 3,2 % im 1. Quartal und um 3,3 % im 2. Quartal stieg, wuchs die Vergütung außerhalb der MGV um 6,9 bzw. um 10,8 %.

Die Zuwächse im Bereich der extrabudgetären Leistungen würden belegen, wie hoch der Leistungsbedarf der Patienten wirklich ist", erläuterte der stellvertretende KBV-Vorstandsvorsitzende Dr. Stephan Hofmeister. Denn hier müssten die Krankenkassen jede erbrachte Leistung in voller Höhe vergüten. Und Hofmeister legte nach: "Das zeigt, dass unsere Forderung nach einem Ausstieg aus der Budgetierung mehr als berechtigt ist und die Krankenkassen endlich das Mengenrisiko tragen müssen."

Beachtet werden muss aber auch: Die Zahl der Ärzte ist zwar bundesweit um 1,8 % gestiegen, die Zahl der Behandlungsfälle hat aber gleichzeitig um 4,2 % zugenommen. Daraus ergibt sich ein Anstieg der Behandlungsfallzahlen pro Arzt auf Bundesebene um 2,4 % im Vergleich zum Vorjahresquartal.

Im Bundesdurchschnitt ist die Anzahl der Hausärzte nahezu unverändert (+0,5 %), die Anzahl der Behandlungsfälle ist gestiegen (+2,4 %). Dies führt zu einer Zunahme der Behandlungsfallzahl je Arzt um 1,9 %. Das gesamte Honorarumsatzvolumen im hausärztlichen Versorgungsbereich ist um 2,8 % im Vergleich zum Vorjahresquartal gestiegen.

Betrachtet man im hausärztlichen Versorgungsbereich nur die Zahlen aus dem 2. Quartal 2016, dann erhöhte sich der durchschnittliche Honorarumsatz je Arzt um 2,3 %. Der Honorarumsatz je Behandlungsfall betrug 64,14 € (+0,4 %). Zu deutlich überdurchschnittlichen Steigerungen des Honorarumsatzes je Arzt kam es in Hessen (5,3 %) und Berlin (5,1 %). Ein Rückgang des Honorarumsatzes je Arzt ist lediglich für die KV Bayerns (-3,9 %) festzustellen (Tabelle 2).

Große regionale Unterschiede

Zwischen den einzelnen KV-Regionen gibt es allerdings teilweise erhebliche Unterschiede. Während die Allgemeinärzte im Bundesdurchschnitt einen Honorarumsatz von 54.408 € erzielen, erreichen die Kollegen in Hamburg oder Berlin gerade einmal rund 45.000 €, jene in Thüringen aber mehr als 68.000 €. Bayern und Baden-Württemberg müssen hier gesondert betrachtet werden, da hier die Bereinigung der Gesamtvergütung aufgrund der großen Präsenz der Hausarztverträge besonders stark ins Gewicht fällt.

Die Unterschiede zwischen den KV-Regionen lassen sich sowohl auf höhere Fallzahlen als auch auf höhere Fallpauschalen zurückführen, so kann man es dem Honorarbericht entnehmen. Während die durchschnittlichen Fallzahlen bei Hausärzten im 2. Quartal 2016 bundesweit bei 844 lagen, wurden z. B. in Sachsen mehr als 1.000 Patienten behandelt, in Hamburg oder Berlin hingegen weniger als 800. Am unteren Rand der Skala liegen die Allgemeinärzte in den Stadtstaaten auch bei den Fallwerten (rund 54 €), wohingegen in Thüringen mit über 70 € der höchste Fallwert erzielt wurde.

Was bleibt beim Hausarzt netto in der Tasche?

Die Höhe des Honorarumsatzes sagt noch nichts Genaues darüber aus, was ein Arzt letztlich als Überschuss für seine Praxis verbuchen kann (siehe Kasten). Doch auch darüber gibt der Honorarbericht Aufschluss. So haben die Allgemeinärzte und hausärztlichen Internisten im 2. Quartal 2016 im Schnitt einen Überschuss von 29.568 € erwirtschaftet (Tabelle 1). Sie liegen damit knapp über dem Durchschnitt aller Fachgruppen, der 29.108 € betrug. Die niedrigsten Überschüsse erzielten die Psychotherapeuten mit rund 15.000 €, die höchsten erreichten die Nuklearmediziner mit über 40.000 €.

Kasten 1: Brutto und Netto
Der Honorarumsatz darf nicht mit dem Einkommen der niedergelassenen Ärzte verwechselt werden. Der Honorarumsatz ist die Zahlung an den Arzt für den Betrieb der Praxis und die Versorgung der Patienten. Das Nettoeinkommen, also das Geld, das der Arzt/Psychotherapeut für seine Arbeit bekommt, beträgt durchschnittlich nur 23,5 % des Honorarumsatzes. Aus den anderen 76,5 % des Honorarumsatzes finanziert er
  • Praxiskosten (sie betragen im Durchschnitt über alle Gruppen 51,6 % des Honorarumsatzes)
  • Steuerzahlungen (14,9 %)
  • berufsständische Altersversorgung (7,1 %)
  • Aufwendungen für Kranken- und Pflegeversicherungen (2,8 %)

Erst nach Abzug aller Kosten erhält man das Nettoeinkommen, das dem Arzt persönlich zur Verfügung steht.

Die TOP 20 GOP

Erstmals gibt der Honorarbericht der KBV auch einen Überblick über die am häufigsten abgerechneten Gebührenordnungspositionen (GOP) je Abrechnungsgruppe (Tabelle 3). Dabei zeigt sich, dass 78,7 % des gesamten Honorar-
umsatzes der Allgemeinärzte und hausärztlichen Internisten auf die Top 20 GOP entfallen. Ganz oben steht hier die Zusatzpauschale für die Wahrnehmung des hausärztlichen Versorgungsauftrags. Schon auf dem dritten Platz dieser Liste folgt aber das problemorientierte ärztliche Gespräch, das aufgrund von Art und Schwere der Erkrankung erforderlich ist. Für die KBV ist das ein weiterer deutlicher Hinweis dafür, dass die sprechende Medizin künftig auch besser vergütet werden sollte.



Autor:
Dr. Ingolf Dürr

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2018; 40 (15) Seite 26-30