Seit mehr als drei Jahrzehnten bin ich in einer allgemeinärztlichen Landpraxis niedergelassen. In dieser langen Zeit haben sich meine Illusionen bezüglich des medizinisch Machbaren nivelliert: Ich bin zu einem Praktiker mit einem gehörigen Hang zur skeptischen Betrachtung des eigenen Fachgebietes und seiner Subspezialitäten gereift. Schon deshalb bin ich weder ein militanter Befürworter noch ein strikter Gegner einer medizinischen Richtung, solange sie dem Patienten nicht schadet oder sogar eine Behandlungsoption bereithält. Zudem meine ich, dass häufig erst die kritisch-reflektierende, vielleicht auch generationenübergreifende Rückschau und Nachbewertung diagnostischer oder therapeutischer Strategien eine endgültige Beurteilung erlaubt.

Evidenz ist nie absolut

Meine berufliche Tätigkeit ordne ich ganz klar auf der Seite der evidenzbasierten Medizin ein. Neue Ergebnisse haben in der Schulmedizin erst dann Bestand, wenn sie durch Studien hoher Qualität im Kontext des bestehenden Wissens bestätigt werden. Selbstverständlich sind auch diese Tatsachen nicht absolut und können durch neue, oftmals gegenteilige Untersuchungen widerlegt werden. Dass sich Paradigmen im Licht neuer Erkenntnisse ändern, ist legitim, denn der wissenschaftliche Prozess ist lebendig und immer im Fluss. Er beruht nicht auf Behauptungen oder einem Glaubensdogma, sondern auf einer großen Zahl empirisch erhobener Daten von Befunden und Untersuchungen, die in der Zusammenschau dann ein hohes Maß an Erwartungssicherheit geben. Weil ich als Vertragsarzt der Krankenkassen zudem einem zeitgemäßen diagnostischen und therapeutischen Standard verpflichtet bin, geben mir evidenzbasierte Leitlinien oder vergleichbare Publikationen medizinische und juristische Rückendeckung.

Oft nur Einzelfallbeobachtungen

Exakt dies fehlt mir bei der Homöopathie. Fundierte Expertisen belegen, dass die Beweislage für eine Wirksamkeit homöopathischer Therapien im Sinne wissenschaftlicher Fragestellungen meist nicht ausreicht. Das in der Folge nicht selten angeführte Argument "Wer heilt, hat recht" ist für mich unerheblich, da es nicht selten auf Einzelfallbeobachtungen beruht, die im wissenschaftlichen Sinn zwar interessant sind, aber nicht verallgemeinert werden können. Auch spontane, durch die Selbstheilungskraft des Organismus oder durch Plazeboeffekte bedingte Heilungen werden gerne als Therapieerfolge einer homöopathischen Behandlung verbucht, ohne dass ein Zusammenhang belegt werden kann.

Nicht alles ist mit Schulmedizin lösbar

Natürlich wird auch die Schulmedizin der variablen Komplexität des Menschen nicht in allen Facetten gerecht. Gleichwohl muss sich die Homöopathie an etablierten Standards messen lassen, wenn sie nicht als Pseudowissenschaft deklassiert werden will. Im Praxisalltag halte ich es mit dem früheren Ministerpräsidenten Kurt Beck: "Nah bei de’ Leut’ sein." Homöopathische Behandlungen im eigentlichen Sinn führe ich nicht durch, habe indessen aber kein Problem damit, wenn Patienten homöopathische oder andere alternative Heilmethoden versuchen wollen. Ich freue mich, dass sie so offen mit mir darüber reden, ermutige sie oder zeige in Abhängigkeit von ihrer Erkrankung denkbare Grenzen auf. Denn last but not least muss auch ich konzedieren, dass die Schulmedizin längst nicht für jedes Problem auch eine für den Patienten akzeptierbare Lösung bereithält.



Autor:


Dr. med. Fritz Meyer
Facharzt für Allgemeinmedizin
Sportmedizin-Ernährungsmedizin (KÄB)
Facharzt für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde
86732 Oettingen/Bayern

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2018; 40 (5) Seite 24