Es gibt Arbeitstage, an denen ich froh bin, im Sprechzimmer nur für die Menschen da sein zu müssen, die mir termingemäß zugewiesen wurden. Gelingt es mir dann noch, durch Vermeidung extraordinärer Sonderwünsche wie Toilettengang oder Kaffeepausen den Betriebsablauf nicht merklich zu stören, führe ich das Leben einer quasi geschützten Spezies.

Meine Praxisdamen bewahren wie ein Wachbataillon meine alterszerrütteten Nerven vor den Urgewalten allzu menschlicher Nähe. Schon deswegen spreche ich seit langem nicht mehr von "Helferinnen", sondern von Mitarbeiterinnen, weil sie viel mehr tun als nur helfen.

Die Berufsbezeichnung MFA ist für mich ein Akronym aus den Eigenschaften menschlich, motiviert, mitfühlend, mobil, freundlich, fröhlich, flott, flexibel, aufmerksam, ambitioniert, ausdauernd und attraktiv. In sogenannten Krisenzeiten ("die Schweinegrippe naht"), vor Festtagen oder Praxisurlauben ("was, ihr habt schon wieder zu?") ist konzentrierte Professionalität oberstes Gebot. Dann toben Kesselschlachten im beengten Entrée unserer Landpraxis: Unter zunehmender Verdichtung und Überwärmung des nur knapp vorhandenen Luftraumes kommt es manchmal subtil, häufiger aggressiv und lautstark, zwischen den "Hoppla-da-bin-ich-jetzt-Menschen", den immer unzufriedenen "Ich-warte-schon-ewig-Fräulein" und den "Bei-euch-klappt-das-ja-nie-Mitbürgern" zu variantenreichen, archaischen Rangfolgekämpfen.

Meine Praxisperlen mittendrin: Mit eselsgleicher Geduld, dem freundlichen Lächeln und sanften Augenaufschlag eines Engels müssen sie alle Wünsche am besten schon gestern erledigen – fehlerfrei, versteht sich. "Frauen: die Holzwolle in der Glaskiste des Lebens", so schrieb einmal Kurt Tucholsky: Da muss er meine Mitarbeiterinnen vor Augen gehabt haben. Sie dämpfen überzogene Erwartungen, wärmen traurige Seelen und gleichen Spannungen aus. Wehe dem, der sie durch einen unberechtigten Vorwurf erhitzt: Dann brennt aber die Hütte.

Neben der routinierten Erledigung monsterbürokratischer Formulare und üblicher Praxisleistungen werden Familiendramen abgearbeitet, Kochrezepte ausgetauscht, Schulprobleme diskutiert, Gartenprobleme besprochen und natürlich auch Gesundheitsratschläge ("bei meiner Katze hat das auch gut geholfen") erteilt.

Die wirkliche Königsleistung meiner Mitarbeiterinnen ist aber ihre intuitive, nie ermüdende und durch viele Berufsjahre geschärfte Wachsamkeit für den "Kolibri am Nordpol". Die wirklich kritischen Fälle kommen meist unaufgeregt und unspektakulär: kurz vor dem Ende der Sprechstundenzeit oder dem Beginn des Wochenendes. Wenn dann die Alarmierungs- und Informationskette funktioniert hat, die Infusion schon angeschlossen ist und der Notfallkoffer bereitliegt – dann sind aus Mitarbeiterinnen wirkliche Engel geworden, für mich und unsere Patienten.

Das schwäbische "Net gschimpft is globt gnua" (zu Deutsch: "Nicht zu schimpfen ist schon ausreichend Lob") würdigt diese "Heldinnen des Praxisalltags" eindeutig zu wenig. Sagen Sie ihnen öfter, wie sehr Sie ihre qualitative Mitarbeit schätzen und dass es Spaß macht, mit ihnen zu arbeiten!


Dies meint Ihr Fritz Meyer, Allgemeinarzt


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (5) Seite 26