Wie zufrieden sind niedergelassene Ärzte und Psychotherapeuten mit ihrer Arbeit? Sehr! Wie stehen sie zur Telemedizin? Skeptisch! Welche Pläne haben sie für die Zukunft? Mehr Nachwuchsförderung und eine weitere Anpassung der Honorare! Der Ärztemonitor 2016 beleuchtet nach den Erhebungen in den Jahren 2012 und 2014 zum dritten Mal die Situation der Haus- und Fachärzte sowie der Psychotherapeuten in der vertragsärztlichen Versorgung. In einer repräsentativen Befragung im Auftrag der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und des NAV-Virchow-Bundes hat das infas-Institut rund 11.000 ambulant tätige Ärzte und Psychotherapeuten interviewt. Die Ergebnisse sind überraschend.

Kaum zu glauben, aber Statistiken lügen bekanntlich nicht. 95 % der von der KBV befragten Ärzte sind mit ihrer Tätigkeit zufrieden. In der Ärzteschaft herrscht laut Erhebung des KBV-Ärztemonitors relativ hohe Zufriedenheit trotz hoher Belastung. Die Ärzte identifizieren sich mit ihrem Beruf. Auch mit dem persönlichen Einkommen scheinen zwei Drittel durchaus zufrieden. Noch. Denn immer mehr wird persönliche Erschöpfung und ein enges Zeitkorsett für die Patientenbehandlung als negativ wahrgenommen. Gerade junge Ärzte haben andere Vorstellungen von ihrer Work-Life-Balance.

Hausärzte arbeiten am längsten

Bei einer durchschnittlichen Wochenarbeitszeit von 52,2 Stunden und 44,6 Patienten am Tag fühlen sich 30 % der befragten Haus- und Fachärzte durch ihre Arbeit ausgebrannt. Der Arbeitsüberhang trifft mit durchschnittlich 53,4 Stunden die Hausärzte an der Patientenfront noch stärker als die Fachkollegen. 13 % der Befragten sind sogar über 65 Stunden im Dienst. Wenig verwunderlich, dass dieser Raubbau sich bei 29 % in einem Burn-out niederschlägt.

Erste Früchte scheint dagegen die Aufwertung der sprechenden Medizin zu tragen. So ist die Zufriedenheit mit dem Einkommen bei den Hausärzten von 58 im Jahr 2012 aktuell auf 70 % angestiegen. Sorgen macht sich Dr. Dirk Heinrich, der Bundesvorsitzende des NAV-Virchow-Bundes, eher um die grundversorgenden Spezialisten. Während drei Viertel der Hausärzte keine wirtschaftlichen Probleme sähen, seien es bei den Spezialisten nur 63 %. Diese Kluft sei seit 2012 kontinuierlich größer geworden. Ulrich Weigeldt, der Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbands, gab hier allerdings zu bedenken, dass die Hausärzte im Vergleich zu anderen Facharztgruppen von einem sehr niedrigen Niveau aus gestartet seien. Und letztlich seien die Fortschritte beim Honorar fast ausschließlich auf den selektivvertraglichen Bereich, sprich die Hausarztverträge, zurückzuführen.

Nachfolger gesucht

Die größten Herausforderungen sehen viele Niedergelassene in der Nachbesetzung ihrer Praxen (70 %) und im Mangel an Zeit für den Patienten (56 %): Ein Viertel der Befragten möchte aus Altersgründen in den kommenden 5 Jahren in den Ruhestand gehen. Mit der aktiven Suche nach einem Nachfolger haben 56 % von ihnen bereits begonnen – davon wiederum waren 43 % erfolgreich, 54 % suchen jedoch noch.

KBV lobt sich

KBV-Chef Dr. Andreas Gassen zeigt sich hocherfreut von den Umfrageergebnissen. "Wenn mehr als 90 % der befragten Ärzte und Psychotherapeuten mit ihrer Tätigkeit zufrieden sind, dann können wir dies durchaus als ein Zeichen dafür nehmen, dass die Arbeit der KVen und der KBV so schlecht nicht ist. Dem KV-System gelinge es, "die Folgen so mancher gesetzlicher Vorgaben abzumildern." Kritische Brennpunkte sind für die KBV erkannterweise die Schwierigkeit bei der Nachfolgersuche, der Mangel an Zeit für den Patienten und die überbordende Bürokratie. Allerdings sieht Gassen auch hier Licht am Ende des Tunnels.

Die Hälfte der Vertragsärzte, die eine Weiterbildungsermächtigung haben, planen in den kommenden Jahren die Einstellung eines Weiterbildungsassistenten. Mit der Förderung der Weiterbildung im ambulanten Bereich, die den Weiterbildungsassistenten ein an die Klinik angelehntes Gehalt ermögliche, werde sich die Weiterbildung in den Praxen der Niedergelassenen künftig noch mehr verbessern, glaubt der KBV-Chef. Neben den 7.500 Förderstellen im hausärztlichen Bereich sind mit dem GKV-VSG auch 1.000 Förderstellen im fachärztlichen Bereich gesetzlich festgeschrieben. Die KVen fördern damit vor allem grundversorgende Fächer wie Gynäkologie, Dermatologie und Augenheilkunde, für die es künftig einen besonderen Bedarf geben werde.

Skepsis bei Telemedizin

Der Ärztemonitor geht auch auf weitere Trends im Gesundheitswesen ein. So werden sich telemedizinische Anwendnungsmöglichkeiten laut Ärztemonitor in den nächsten Jahren stark verbreiten. 64 % der befragten Ärzte glauben, dass die Telemedizin in 5 Jahren ein fester Be-standteil des Praxisalltags sein werde, schließen jedoch eine Anwendung in der eigenen Praxis eher aus. KBV-Chef Gassen teilt die skeptische Haltung der Kollegen zur Telemedizin. Heute würden erst 12 % der Befragten entsprechende Angebote nutzen. Die digitale Vernetzung berge viele Chancen, es sei aber "falsch anzunehmen, man könne mit der Telemedizin real vorhandene Versorgungsprobleme lösen". Im Übrigen müsse die Bezahlung für diese Leistungen geregelt werden.



Autor:
Hans Glatzl

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (1) Seite 34-36