Spätestens wenn die ersten Nikoläuse sprungbereit und listig aus ihren Supermarktregalen lugen, wird mir schmerzhaft bewusst, dass sich die sonnig-unbeschwerte Jahreszeit endgültig ihrem Ende zuneigt. Stattdessen taucht die Weihnachtszeit mit ihren Besonderheiten drohend am Horizont auf.

Auch für den Hausarzt ist dies eine besondere Saison. Das fängt schon mit dem Wetter und seinen unschönen Folgen an: Die feuchte und kalte Luft verheißt Hausbesuche in einengender Kleidung, Morgenfrost und gefrorene Autoscheiben signalisieren vereiste Straßenverhältnisse bei schlechter, trüber Sicht.

Zu diesen klimatischen Umständen gesellen sich dann traditionell mehr Arbeit und Stress, weil die Zahl Urlaub machender oder selbst erkrankter Kollegen, die Dichte der arbeitsfreien Feiertage und der noch berüchtigteren "Brückentage" hoch und die Zahl hustender, fiebernder oder sonst wie leidender Menschen noch höher ist.

Als Ausgleich dafür werden wir durch unsere Patienten fürsorglich und überschwänglich verwöhnt. Eine unbestrittene Spitzenposition unter den süßen Verführungen nimmt dabei in unserer Praxis "Mein Liebling" (dt. Übersetzung des frz. Handelsnamens) ein: jene kardinalrot verpackte Bitterschokoladenpraline mit der Piemont-Kirsche und einer suchterregenden Branntweinfüllung, die aber hinterrücks von den ihr innewohnenden Kalorien die Kleidung des Konsumenten heimlich enger nähen lässt. Ich weiß nicht, wie viele Kartons dieser subtilen Verführung vor und während der Weihnachtsfeiertage in unserer Praxis den Besitzer tauschen und danach ihre verheerende Wirkung entfalten.

Nicht selten ist in dieser Zeit auch ein hohes, klirrendes Klingeln in der Vorwartezone zu vernehmen, das nicht vom Weihnachtsmann, sondern in der Regel aus der Plastiktüte eines ortsansässigen Marktes kommt. Akustisch so vorgewarnt kann ich aufgrund traditioneller Empirie vermuten, dass sich meine Vorräte an geistigen Getränken von ihrem Jahresschwund wieder erholen können. Spirituosen jeglicher Couleur müssen dankbar entgegengenommen werden, seien es nun klebrig süße Liköre oder rachenverätzende Verdauungsschnäpse, die mit dem Hinweis auf die hauseigene Produktion raffiniert getarnt in die Tageszeitung eingewickelt abgegeben werden.

Sie abzulehnen wäre ein gewaltiger Fauxpas. Nur einmal, ganz am Anfang meiner Praxiszeit, habe ich dies gewagt. Ich war damals der naiven Meinung, meine nicht gerade gut betuchten Patienten sollten ihr Geld doch lieber für etwas Vernünftigeres aufsparen. Mein Bruder und Praxispartner musste sich dann später "im Vertrauen" fragen lassen, ob mir aufgrund einer besonders heiklen Veranlagung diese Zuwendung wohl nicht goutiert habe.

Neben der inneren wird aber auch äußere Erwärmung verschenkt. Natürlich ist meine Schuhgröße schon längst bekannt und so bekomme ich seit Jahren liebevoll gestrickte, wärmende und leuchtend bunte Strümpfe. Diese trage ich dann wirklich gern zu Hause, vor dem bullernden Kaminofen sitzend und "Meinen Liebling" verzehrend. Das ist dann wieder das Schöne in diesen weihnachtlichen Wochen.



Das meint Ihr Fritz Meyer, Allgemeinarzt


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (20) Seite 112