Die Hausarztpraxis ist eine lebhaft sprudelnde Quelle der Datenmultiplikation. Das war schon immer so, nur das Ausmaß hat sich dramatisch verändert. Aus der plätschernden Quelle ist eine gewaltige Springflut geworden.

Als ich vor etwa 45 Jahren in einer kleinstädtischen Hausarztpraxis famulieren durfte, bestand das gesamte Patientenarchiv aus einer eierschalenweißen Metallkommode mit fünf Schubladen. In denen ruhten alphabetisch sortiert die Karteikarten aller Patienten einschließlich ihrer Befunde und (am wichtigsten!) des aktuellen Quartalskrankenscheins. Die handlichen DIN-A5-Karten waren aufklappbar und an der Vorder- und Rückseite für die aktuellen Sprechstundeneinträge liniert.

Pro Kontakt durfte neben dem Tagesdatumsstempel allenfalls eine Zeile für den Texteintrag verbraucht werden, das musste reichen: für Diagnose, Therapie und eventuelle weitere Maßnahmen. Die waren meist sekundär, weil Überweisungen an Facharztkollegen eher die Ausnahme als die Regel waren, mithin also auch wenig Arztbriefe anfielen, die dann in die Klappkarte eingelegt wurden.

Bei einem anderen Kollegen, den ich dann wenige Jahre später schon als Arzt vertreten durfte, bestand das gesamte Archiv aus 24 Leitzordnern, jeder mit einem Buchstaben des Alphabets beschriftet. Auf knappen zwei Regalmetern staubte der gesamte Archivbestand aus etwa 30 Praxisjahren ein.

Weil ich damals schon in einer Universitätsklinik arbeitete, war ich natürlich eine andere, voluminösere Art des Archivierens gewohnt. Diesbezüglich waren die Vorgänger unserer jetzigen Praxis absolut auf der Höhe der Zeit.

Voller Stolz zeigten sie uns bei der Praxisübernahme ihre komplette DIN-A4-Hängeregistratur, die damals schon 20 Regalmeter umfasste. Das hat sich in den drei Jahrzehnten unserer Praxisführung alarmierend verändert: Aus den übernommenen 20 Regalmetern wurden inzwischen fast 50, zuzüglich einem Altarchiv mit fast 100 Regalmetern in einem doppelt abgeschlossenen und separaten Gebäudeteil. Das sind aber nur die aufbewahrungspflichtigen Patientenakten der letzten zehn Jahre. Im Übrigen musste ich nur dreimal wegen Erbstreitigkeiten die papierenen Zeitzeugen menschlichen Elends vor ihrer gesetzlich verordneten Ablaufzeit wecken.

Die Spitze des Datenbergs (auch größenmäßig) konnte in unserer Praxis nur mittels digitaler Technik erklommen werden. Doch auch diese Helfer bekommen Altersleiden und so mussten jetzt die beiden Praxisserver wegen technischer Defekte in den Ruhestand.

Abb.: Grafische Bearbeitung einer Festplattenplatine

Die ausgebauten und zur Datenentschärfung gebrachten Festplatten enthielten die Arbeit aus zehn Praxisjahren und wogen doch nur anderthalb Kilogramm, also deutlich weniger als ein einziger gut gefüllter Leitzordner. Im Unterschied zu diesem braucht die Festplatte aber deutlich weniger Platz und ihre Trägerplatine hat einen zwar verborgenen, aber dennoch dekorativen Charme (Abbildung).


Dies meint Ihr Fritz Meyer, Allgemeinarzt


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2019; 41 (12) Seite 77