Im Zeitalter von Notizbuch-Apps auf dem Phone oder Tablet oder Snapshots im elektronischen Datenarchiv wird die handschriftliche Notiz schon bald eine belächelte und liebenswürdige Reminiszenz an eine Zeit sein, in der eine gute Handschrift noch etwas zählte. Schon deshalb sind für mich die handgeschriebenen Aufzeichnungen meiner Senioren archivierungswürdige Erinnerungsstücke.

Regelmäßig werde ich zu einer 96-jährigen Dame gerufen, deren Gehfähigkeit so eingeschränkt ist, dass sie den Aufstieg über eine unebene Holzstiege in den zweiten Stock ihrer Altbaumansardenwohnung nicht mehr schafft. Für meine häusliche Visite ist die frühere Behördenangestellte immer bestens präpariert. Gewöhnlich liegt dann ein Notizzettel (Abb. 1) vor mir, auf dem fehlerfrei und mit gestochen klarer Schrift alle aktuellen Anliegen penibel notiert sind. Um keine Kleinigkeit zu vergessen und um meine kostbare Zeit nicht übermäßig zu strapazieren, wie sie stets betont. Dieser Re-spekt gegenüber meiner Arbeit lässt mich die faktische Unwirtschaftlichkeit dieses meist einstündigen Gastspiels vergessen, jeder betriebswirtschaftlichen Kalkulation zum Trotz. Mit verschmitztem Lächeln bekomme ich zum Abschied hin und wieder ein paar belgische Pralinen als Nervennahrung zugesteckt.

Gelegentlich können von einem rasch hingereichten Zettel aber auch unübersehbare Alarmsignale ausgesandt werden. Kürzlich war ein dringender Hausbesuch bei einem alleinlebenden, 80-jährigen Herrn bestellt worden. Ich war beunruhigt, denn bislang hatte er immer noch mit seinem Fahrrad in die Sprechstunde kommen können, aber jetzt? Als ich seine Wohnstube betrat, saß er schwer atmend auf der Couch und streckte mir mit zitternder Hand wortlos einen Notizzettel (Abb. 2) entgegen. Darauf waren in krakeliger und ungelenker Handschrift nur zwei Worte mit einem nachfolgenden Fragezeichen notiert: "Schnaufen" und "Wasser". Die körperliche Untersuchung bestätigte, was der Patient schon vermutete: Eine dekompensierte Herzinsuffizienz hatte ihn in diese missliche Lage gebracht, gerade noch rechtzeitig konnte ich ihn in unser Krankenhaus einweisen.

Den liebenswerten Charme, die Authentizität und den Erinnerungswert handgemachter Alltagsnotizen werden elektronische Aufzeichnungen nicht erreichen. Dem Notizzettel sei Dank.


Dies meint Ihr Fritz Meyer, Allgemeinarzt


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2019; 41 (2) Seite 89