Die Hälfte seines Lebens wartet der Mensch vergebens. Diese vielgebrauchte Sentenz charakterisiert etwas Alltägliches. Schon immer musste der Mensch warten: der Jäger auf Beute, der Landwirt auf Heuwetter, der Seemann auf den Wind. Aber neben dem Wetter und den eigenen Befindlichkeitsstörungen gibt es nur wenige annähernd so beliebte Gesprächsthemen wie die leidige Wartezeit beim Arzt.

Dabei hat das Warten unterschiedliche Dimensionen. Beispiel: der Damensalon des Coiffeurs. Als Kommunikationszentrum hat er nur anscheinend eine ähnliche Bedeutung wie das ärztliche Wartezimmer, de facto ist es aber anders. Mehrere Stunden dort untätig sitzend zu verbringen, zu lesen oder die Kommunikation zu pflegen ist für die meisten Frauen kein Problem. Denn hier wird das Warten zum Event und mit einem ersehnten Ergebnis belohnt: der richtigen Haarfarbe, den lässigen Beach-Waves oder den stylischen Kringellocken.

Wartezeiten beim Friseur werden diesem großen Ziel unterworfen, denn die Frisur wertet nicht nur das Äußere, sondern auch die Seele auf. So bekommt das Warten einen positiven Anstrich und nicht umsonst heißt es auf der Werbetafel einer Haarkünstlerin, die ihre Kundinnen wohl bestens kennt: "Oft braucht es keinen Psychologen, sondern einfach einen guten Friseur" (Abbildung).

Beim Arzt ist das natürlich ganz anders. Eine etwas ältere Patientin mit frischer Dauerwelle musste kürzlich akut, unbedingt und am besten gleich als Notfall vorgelassen werden.

Nach einem mehrstündigen Friseuraufenthalt hörte sie einseitig plötzlich schlechter, wurde außerdem durch ein raschelndes Geräusch im Ohr beunruhigt und befürchtete natürlich einen Gehörsturz. Nach unerhörten dreißig Minuten Wartezeit schlug sie als eingeschobener Notfall in meinem Sprechzimmer auf.

Die Diagnose war rasch gestellt: Reste von Shampoo im Gehörgang und ein abgetrenntes Haar auf dem Trommelfell hatten das Ohrproblem samt Panik ausgelöst. Akribisch reinigte ich das Ohr und konnte dadurch das Problem innerhalb von fünf Minuten erledigen.

Allerdings erhielt meine selbstgefällige Zufriedenheit mit der zeitnahen und erfolgreichen Intervention sofort wieder einen Dämpfer: "Vielen Dank, Herr Doktor", so die Dame, "ich hätte ja schon längst wegen meiner anderen Zipperlein bei Ihnen vorbeikommen sollen, aber bei Ihnen sitzt man immer so lange im Wartezimmer …!"

Nun ja, Warten hat eben vielfältige Aspekte und ich habe inzwischen verstanden, dass sich Mensch wohl nur in wenigen Situationen so unwohl fühlt und der dahinschleichenden Zeit so bewusst wird wie in einem ärztlichen Wartezimmer. Während beim Nichtwarten die Zeit einfach so dahinplätschert, rückt sie für den im Wartezimmer ausharrenden Menschen ins Zentrum seiner Wahrnehmung, überlagert von einem Hauch Ungewissheit und Angst. Es ist ein Warten mit offenem Ausgang und deshalb wird selbst die kürzeste Wartezeit beim Arzt wohl immer zu lang sein. Da ist uns der Friseur einfach eine Haarlänge voraus.

Das meint Ihr


Fritz Meyer, Allgemeinarzt


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2018; 40 (3) Seite 86