Jeder muss sparen. Wir Kassenärzte sowieso: Stetig schwebt das kupierende Schwert einer Wirtschaftlichkeitsprüfung nach dem GKV-VSG gemäß § 106 Abs. 5e SGB V über uns. Diesem Kargheitstrend folgend hat sich die ärztliche Sprache nachhaltig verändert: Abkürzungen und Akronyme haben Konjunktur. Sie überschwemmen unseren bislang so simplen Alltag tsunamiartig und bereichern ihn mit einer variantenreichen, oft nur im Gesamtkontext verstehbaren, aber durchaus belebenden Auslegungsbreite. Von der Basis kommen deshalb immer heftigere Forderungen, dass neben dem Aküfi (Abkürzungsfimmel) jetzt auch ein Aküschlü (Abkürzungsschlüssel) im staatsexamenspflichtigen Lehrfach Abbreviologie fest in die PO (Prüfungsordnung) gemäß ÄAppO (Ärztliche Approbationsordnung) der angehenden Mediziner eingeführt werden sollte.

An der hausärztlichen Basis sind diese verkürzten Übermittlungsformen schon längst angekommen. So flötete kürzlich meine altgediente MFA (Medizinische Fachangestellte, realiter Multifunktionsangestellte) in stenogrammartigem Stakkato: "Da habe ich noch einen MS, wahrscheinlich ein HWI!" Jetzt fing meine ordinationsmüde Aküfi-Festplatte zu rattern an. Was, so denke ich, ein Hinterwandinfarkt (HWI), und wer hat da MS (Multiple Sklerose) oder gar ED (Enzephalitis disseminata oder erektile Dysfunktion)? Gott sei Dank, die Lösung war einfach: ein Harnwegsinfekt (HWI), belegt durch einen Multi-Stix (MS)-Reagenzträger. Das könnte aber natürlich auch eine akute ED (erektile Dysfunktion) erklären, wobei die ED (erektile Dysfunktion) natürlich auch bei einer ED (Enzephalitis disseminata) auftreten könnte.

Vielleicht ist die ED (erektile Dysfunktion) aber auch Folge eines durchgemachten HWIs (Hinterwandinfarktes), beides kann ja bekanntlich eng zusammenhängen. Überdies kann bei Männern im besten Alter Stress auch dadurch generiert werden, dass sie das Dahinsiechen ihrer Jugendzeit durch stürmische Affären mit HWI (häufig wechselnde Intimpartner) aufzufrischen suchen. Dann kann so ein HWI (häufig wechselnder Intimpartner) nicht nur einen HWI (Harnwegsinfekt), sondern auch eine HWI (Hinterwandischämie) auslösen, weil bei entsprechendem HWI (Hip-Waist-Index) ein erhöhter HWI (Heart-Work-Index) das amourös stimulierte Herz zum Erlahmen bringen und in Verbindung mit der damit verbundenen ED (emotional disorder) im Extremfall zum ED (early death) führen kann. Weist man dann als Hausarzt aufgrund unheilvoll vermuteter Zusammenhänge in das nächstgelegene ED (emergency department) ein, läuft man allerdings Gefahr, dass sich die Aküfi-trainierten Jungkollegen nach durchgeführter ED (Eingangsdiagnostik) über die hausärztliche ED (Einweisungsdiagnose) kringelig lachen, weil ED (Erstdiagnose) und ED (Enddiagnose) inkongruent waren.

Doch das ist streng genommen kein Problem. Es ist alles nur eine Frage der richtigen Interpretation dieser Abbreviationen, die im Übrigen allesamt einem offiziellen Abkürzungslexikon entstammen. Schließlich liegt die Würze bekanntlich in der Kürze, wenngleich diese auch durchaus mit richtigen Wörtern formuliert werden kann.


Dies meint Ihr Fritz Meyer, Allgemeinarzt


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (9) Seite 28