Weil hausärztliche Behandlungstermine immer knapper werden, haben Vorschläge zur Lösung dieses Problems Konjunktur. VERAH und NäPA sind da ein guter und professioneller Weg.

Aber könnten nicht auch der Friseur, der Metzger oder der Konditor um die Ecke eine zusätzliche, personalisierte Betreuung anbieten? Eine Utopie? Mitnichten!

Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten macht es uns vor. So wurde mittels randomisierter Studie jüngst geprüft, ob der regelmäßige Friseurbesuch mit einer Blutdruckmessung kombiniert werden könne, um gefährdete Patienten zu identifizieren und sie dann in ein ärztlich überwachtes Beratungs- und Behandlungskonzept einzubinden. Was sich zunächst wie eine fixe Idee anhört, wurde im renommierten New England Journal of Medicine (N Engl J Med 2018; 378: 1291–301. DOI: 10.1056/NEJMoa1717250) publiziert. Und ja, es funktionierte. Der niedrigschwellige Zugang zur Blutdruckmessung führte zusammen mit einer anschließenden professionellen Beratung zu einer dreimal besseren Blutdrucksenkung, als es in klassischen Interventionsstudien der Fall war.

Eine ganz ähnliche Idee gab es vor fast zwei Jahrzehnten bei einem Pilotprojekt in Nottingham, wo sich Kneipenbesucher zwischen Billardtisch und Theke ihren Blutdruck messen lassen konnten und im Fall des Falles zum Arzt geschickt wurden.

Spinnt man den Faden weiter, wäre nach dem Coiffeurbesuch noch Gelegenheit, beim Metzger vorbeizuschauen. Die medizinisch zertifizierte Fleischereifachverkäuferin könnte mit trainiert-taxierendem Blick auf die Körperfülle des Kunden sofort mit einer diätetisch fundierten Kaufberatung aufwarten: "So wie Sie aussehen, haben Sie sicherlich erhöhte Cholesterinwerte. Statt unserer fetten Mettwurst empfehle ich Ihnen unsere "Light"-Wurstwaren. Die sind zwar teurer, aber dafür ist die Gesundheitsberatung umsonst."

Da traut man sich als Kunde doch kaum noch zum ärztlich geschulten Konditor, denn wenn der erst von den leicht erhöhten Blutzuckerwerten weiß, winkt er bei den Pfauenaugen mit Marzipan ab und verweist im günstigsten Fall auf karge Diätkekse. Aber keine Sorge: Auch die amerikanischen Studienergebnisse müssen relativiert werden. Denn außer der eigentlichen Blutdruckmessung haben die Friseure eher wenig zu dem beachtlichen Studienerfolg beigetragen. Die Hälfte der zuvor unbehandelten Hypertoniker erhielt nämlich eine hocheffektive Zweifachtherapie und ihre Compliance wurde telefonisch überwacht. Der Effekt wäre wahrscheinlich ähnlich ausgefallen, hätte man das Ganze in eine entsprechend strukturierte Hausarztpraxis verlagert.

Zurück zu den Wurzeln also. Statt alternative, wissenschaftlich aufgepeppte Hirngespinste zu fabrizieren, scheint es sinnvoller, dem Hausarzt mehr Patientenzeit und seiner Lebensleistung mehr Geltung zu verschaffen. Nachwuchs gäbe es dann genug und der Friseur darf dann weiterhin auch das machen, was er am besten kann: Waschen, Schneiden, Föhnen!


Dies meint Ihr Fritz Meyer, Allgemeinarzt


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2019; 41 (7) Seite 92