"Das Gute, dieser Satz steht fest, ist stets das Böse, was man lässt." Nach Wilhelm Busch reicht es also meist schon aus, unrechtmäßiges Tun zu unterlassen, um richtig zu handeln. Der Lebenswirklichkeit geschuldet, sagt der Volksmund noch drastischer: "Tue nichts Gutes, dann widerfährt dir nichts Böses."

Wie wahr, wie wahr: Gelegenheiten, dies regelmäßig zu exerzieren, bietet der Praxisalltag genug. Atteste, Bescheinigungen oder Krankmeldungen jeglicher Couleur bringen den pflichtschuldigen Hausarzt fast täglich in eine Zwickmühle von Tun oder Nichttun. Vor allem, wenn Patienten oder deren Angehörige frei von Problembewusstsein und Benehmen, dafür mit aggressiver Chuzpe, fadenscheinige Bestätigungen einfordern für meist nicht vorliegende Erkrankungen wegen eines "Versicherungsfalls", einer Prüfung, eines Gerichtstermins und, und, und ...

Dass der Halbgott in Weiß auch für ein unrichtiges Gesundheitszeugnis empfindlich bestraft werden kann, das ist den Wenigsten klar. In solchen Situationen steigen nicht selten Aggression, Magensäure und vorauseilende Ablehnung (exakt in dieser Reihenfolge) in mir hoch.

Aber dennoch muss die Spreu vom Weizen geschieden werden. So ist es für mich deutlich sympathischer, wenn die Sachlage offen und fair besprochen wird. Auf meine Frage, was ihr denn fehle, meinte einmal eine jüngere, sonst meist gesunde junge Frau unter Tränen: "Mir fehlen ein paar freie Tage."

Der Hintergrund dazu war in der Tat betrüblich, denn die Mutter der Patientin war schwer erkrankt und in ein entfernt liegendes Krankenhaus eingeliefert worden. Die besorgte junge Dame hatte einfach keine Urlaubstage mehr übrig, um sie zu besuchen und dadurch ihr inneres Gleichgewicht wieder zu finden. Statt ihr eine fragwürdige Krankmeldung zu geben, attestierte ich ihr die offenkundige psychische Notlage und schickte sie damit zu ihrem Chef.

Wenig später hatte ich die Rückmeldung einer für beide Seiten befriedigenden Kulanzlösung. Ganz anders war es bei einem Grundschulpädagogen mit einem jahrelang bekannten Alkoholproblem. Weil er deswegen, "sie wissen schon", gefechtsunfähig gewesen sei, habe er in den letzten beiden Wochen einfach keinen Unterricht halten können. Jetzt sei er in der Bredouille, weil sein Rektor "völlig unverständlicherweise" eine offizielle Krankmeldung für diesen zurückliegenden Zeitraum einfordere.

Dieses Papier konnte, durfte und wollte ich nicht ausstellen, was dann sehr schnell zu einer Ernüchterung des Antragstellers, einem Ende des Gesprächs und der Patientenbeziehung führte. Noch am gleichen Tag habe ich eine Kopie des Gesetzestextes kommentarlos in den Briefkasten des Schulmeisters gesteckt. Wenig später schickte er mir eine handschriftliche und spürbar zähneknirschende Entschuldigung für sein Fehlverhalten. Ein klassischer Fall von praktischer Pädagogik.


Dies meint Ihr Fritz Meyer, Allgemeinarzt


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2018; 40 (14) Seite 70