Perfekt zu lächeln ist gar nicht so einfach. Wissenschaftler haben gezeigt, dass der ideale Mund dafür mindestens halb so breit sein muss wie das Gesicht. Neben symmetrischen Lippen sollte die obere Zahnreihe dominant erkennbar sein. Ein schönes Lächeln entblößt gerade Zähne ohne Füllungen, Kronen oder Brücken. Die Größe schöner Esswerkzeuge ist auch definiert: Die Breite der Schneidezähne darf ungefähr 80 % der Länge ausmachen und die Eckzähne dürfen nur genau 61,8 % (!) der Schneidezahngröße haben. Diese Zahlen scheinen das numerische Ideal für das Gehege der Zähne zu sein, wie Homer unseren Kauapparat zu nennen pflegte.

Eine Lücke im Zaun ist da natürlich ein absolutes Unding. Ein brillantes Lächeln war daher in alten Zeiten gar nicht so einfach. Krankheiten, Ernährungsumstände und mangelhafte Pflegemöglichkeiten führten in der Regel meist zu frühzeitigem Zahnverlust – vorzugsweise im Frontzahnbereich. Kein Wunder also, dass die im 16. Jahrhundert porträtierte Mona Lisa mit verkniffenem Mund von den Wänden des Louvre herablächelt. Sie schaut so wie sie schaut, weil ihre Frontzähne – so die Vermutung einzelner Wissenschaftler – nicht oder nur teilweise vorhanden waren. Und das wirkt bei geöffnetem Mund nun mal wenig feminin.

Selbst Georg Washington hatte bei seiner Vereidigung im Jahre 1789 als 57-Jähriger nur noch einen einzigen Zahn im Mund. Zur optischen Aufwertung seines Aussehens behalf er sich mit verschiedenen, noch erhaltenen Prothesen aus Flusspferdzähnen, Elfenbein und Menschenzähnen, die er seinen Sklaven abgekauft haben soll. Allerdings hatte diese Prothetik nur einen kosmetischen und keinen funktionellen Wert, weshalb Washington bei öffentlichen Anlässen immer wieder offizielle Diners verließ, um sich unauffällig mit weicher Kost zu kräftigen.

An diesem Vorbild könnte sich auch eine meiner Patientinnen orientiert haben. Bei einer kardialen Synkope stürzte die 61-Jährige so unglücklich, dass ein Schneidezahn gelockert wurde und deshalb wenig später extrahiert werden musste. Weil die Patientin aber bis zur endgültigen Versorgung nicht mit einer großen Frontzahnlücke (Abb. 1A) in die Welt lächeln wollte, ließ sie sich von ihrem Zahnarzt das entfernte Beißwerkzeug geistesgegenwärtig aushändigen. Zu Hause bearbeitete sie den verlorenen Sohn mit der Diamantnagelfeile und klebte ihn mit Sekundenkleber in eine durchsichtige Aufbissschiene ein. Diese hatte sie schon vor Jahren wegen ihrer Kiefergelenkbeschwerden erhalten, bislang aber nur selten getragen. Doch jetzt schlug deren Stunde und das kosmetische Ergebnis der Heimarbeit war so phänomenal, dass es mir im direkten Gespräch gar nicht aufgefallen war. Als mich die Trägerin so nebenbei und mit strahlendem Lächeln (Abb. 1B) darauf hinwies, blieb mir der Mund vor Staunen offen. Frau muss sich eben nur zu helfen wissen.



Das meint Ihr Fritz Meyer, Allgemeinarzt


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2018; 40 (10) Seite 90