So schrieb Joachim Ringelnatz schon 1926 in seinem "Ruf zum Sport" und dachte neben den gesundheitlichen wohl auch an die psychosozialen Aspekte sportlichen Tuns, wenn er weiter reimte: "… kürzt die öde Zeit, und er schützt uns durch Vereine, vor der Einsamkeit."

Nun, gefühlt drei Viertel meiner Klienten zählen eher zu den bekennenden Bewegungsmuffeln und die dröge Zeit wird heutzutage anders vertrieben. Zumindest nicht durch körperliche Bewegung, denn der Durchschnittsdeutsche setzt sich höchstens 700 Meter pro Tag in Gang, surft aber zum Ausgleich sieben Stunden täglich im World Wide Web oder besucht ein halbes Hundert angebotener Fernseh- oder Radiosender, was dann wieder in die soziale Eremitage führen kann.

Bevorzugt werden dabei die Muskeln von Auge, Ohr und Zeigefinger zur sensiblen Nutzung von Smartphone oder Fernbedienung eingesetzt, während der restliche Mensch aufgeschwemmt und abschlaffend auf der häuslichen Chaiselongue ruht. Die drahtlose, 1955 in den USA entwickelte Fernbedienung kreierte rasch eine neue, sich weltweit verbreitende, psychopathologische Entität: jene "couch- und mouse-potatoes", die fast reglos vor ihren Bildschirmen erstarren. Wir sind ein Volk der Sitzenbleiber mit den hinreichend bekannten Folgen geworden. "Ich habe Rücken" ist die häufigste deutsche Volkskrankheit, nicht selten gepaart mit einem unübersehbaren Rentendesiderium. Mit diskretem Räuspern verweise ich dann gerne auf die gesundheitsfördernde Option verstärkter körperlicher Betätigung, doch werden meine Ausführungen in der Regel mit dem Hinweis auf ständigen Zeitmangel (siehe oben) und prominente Herztodopfer entkräftet.

Ganz anders tickt ein kleinerer, aber nicht weniger gefährlicher Teil unserer Patienten, die obsessiven Bewegungsfreaks. Jungsenioren mit dem Motto: 60 ist das neue 40, Training bis der Notarzt kommt. Da ist der 64-jährige Fast-schon-Pensionär, der trotz vielerlei Gebrechen immer smart gebräunt, leicht angeschwitzt und dynamisch-federnd mein Sprechzimmer betritt. Bei allen Beratungsgesprächen hat nur eines Priorität: Wann und in welchem Umfang kann ich wieder Sport treiben? Täglich sowieso, na klar, am Wochenende eher öfter. Trotz mehrerer Stents in den Herzkranzgefäßen, trotz kaputter Schultern, mehrfach operierter Kniegelenke, trotz blutverdünnender und blutdrucksenkender Medikamente stehen seine sportlichen Ambitionen bezüglich einer denkbaren Grenzziehung nicht zur Disposition. Erst recht, seit er im Besitz eines sündhaft teuren E-Mountainbikes ist. Jetzt macht das Training mit den "Jungen" wieder Spaß: "Doktor, da kann ich jetzt echt wieder mithalten." Ein Trainingssturz in unwegsamem Gelände hat seinen Oberkörper schmerzhaft pflaumenfarbig getönt, "aber jetzt geht es schon wieder". Meine leisen Hinweise auf Gesundheit und Baujahr werden geflissentlich überhört, denn dafür "gibt es ja einen Doktor". Wie resümierte Ringelnatz schon vor hundert Jahren: "Jeder Sport ist plus, und mit etwas Geist dahinter, wird er zum Genuss." Und nicht nur das, denn wer regelmäßig Ausdauersport betreibt, verlängert sein Leben statistisch gesehen um sieben Jahre. Aber den Geist, den braucht es halt schon dafür!


Das meint auch Ihr Fritz Meyer, Allgemeinarzt


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (17) Seite 107