Die Situation ist bekannt. Ein dienstfreies, erholsames Wochenende liegt hinter mir und mit positiver Seelenlage eile ich dynamisch aus dem Haus, um gestählt den Kampf mit den Unbilden des montäglichen Praxisalltages wieder aufzunehmen.

Doch mit dem Betreten der Praxis bekommt mein Gute-Laune-Pegel einen ersten Dämpfer: Die versierteste Mitarbeiterin ist akut erkrankt. Kaum wurde für Ersatz gesorgt, bringt das Faxgerät mit einem dringlichen Einsatzbefehl den gerade geordneten Ablauf zum Einsturz: Im Altenheim hat die hochbetagte Frau Müller nicht unerwartet, aber zeitlich leider unpassend nach Mitternacht das Diesseitige mit dem Jenseitigen verwechselt. Hat die Tote jetzt auch alle Zeit der Welt, dann gilt das nicht für die, die sich nun um sie scharen. Bestatter und Pfarrer drücken auf das Tempo, denn fast alles, was getan werden muss, geht nicht ohne meine Unterschrift auf dem komplizierten Leichenschaudokument.

Keine Frage, die Erfüllung dieser letzten Verpflichtung ist nicht nur ein ärztliches Muss und weil Angehörige mit betrübter Miene vor dem Sterbezimmer warten, ist ein Anteilnahme signalisierendes Trauergespräch nicht zu umgehen. Indessen wächst meine innere Unruhe exponentiell.

Zurück in der Praxis scharren inzwischen ein halbes Dutzend Patienten ungeduldig mit den Hufen. Bei ihnen haben über das Wochenende diverse Minimalerkrankungen zugeschlagen. Deren Spontanheilung ist zwar in den meisten Fällen auch ohne meine heilbringende Intervention möglich, aber ohne den gelben Dispens von der täglichen Arbeitsfron ist das Gesundwerden weniger erholsam.

Während die Klagen aus der Reihe der Wartenden lauter und aggressiver werden, stimmen mein ganzes Team und ich den "Monday Blues" an, die weltweite, wissenschaftlich bestens dokumentierte und in jeder Branche verbreitete Hymne der montagstypischen Arbeitsplatzdepression. Aber wussten Sie schon, dass es für die Emotionslage dieser gewöhnlichen Montage noch eine Steigerung gibt: den "Blue Monday". Dieser Depri-Montag des Jahres ist nach einer pseudowissenschaftlichen Berechnung des Psychologen Arnall (2005) meist Ende Januar. In eine ausgetüftelte Formel fließen dabei Punktwerte für nachweihnachtliche Schwermut und gescheiterte Neujahrsvorsätze, Kreditverpflichtungen, Klimacharakteristika und die Motivation zur Änderung ein und werden zu einem Datum verrechnet, diesmal ist es der 21. Januar 2019. Im Monday Blues dieses Blue Monday sollte dann aber auch die Sehnsucht nach dem 23. Juni 2019 mitschwingen. Dieses Datum wurde nämlich nach einer (ähnlich parawissenschaftlichen) Formel als der glücklichste Tag des Jahres 2019 berechnet. Lassen wir uns also überraschen.


Dies meint Ihr Fritz Meyer, Allgemeinarzt


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2019; 41 (1) Seite 97