Aus meiner Assistenzarztzeit erinnere ich mich an eine denkwürdige Begebenheit. Bei einer vom Professor geleiteten Visite sollte der Stationsarzt die Patientenanamnese referieren. Leider war der Kollege schlecht disponiert und schüttelte bei detaillierteren Fragen des Chefarztes ratlos den Kopf. Ziemlich angesäuert meinte dieser daraufhin: "Ich frage jetzt die Damen aus der Kantine, die reden wenigstens noch mit den Patienten." Und in der Tat: Auch in der hausärztlichen Praxis finden Gespräche statt, die sich außerhalb ärztlicher Sphären bewegen. Offensichtlich existiert ein extraordinärer Beratungsbedarf, der ohne ärztliche Absegnung erledigt werden kann.

Da gibt es die alleinlebende, extrem korpulente und dadurch wohl auch kontaktscheue Witwe, die sich über die Jahre mit ihrer ganzen Verwandtschaft zerstritten hat. Natürlich kommt sie hin und wieder in die Sprechstunde, aus gesundheitlichen Gründen. Die eigentliche Gesprächstherapie erfolgt aber telefonisch: Dreimal wöchentlich ruft sie nachmittags in der Praxis an, aber nur, wenn eine bestimmte Mitarbeiterin Telefondienst hat, und schüttet dieser ihr Herz aus. Eine echte Form der improvisierten Telefonseelsorge, wenn man so will. Diese Mitarbeiterin sieht das zwar als eine zeitaufwendige, dennoch zwischenmenschliche Pflicht. Weil sie russische Muttersprachlerin ist, kommen in ihrer Arbeitszeit gerne auch sprachlich isoliert lebende Patienten mit der gleichen Herkunft. Am wenigsten werden da gesundheitliche Beschwerden, viel eher persönliche und allzu menschliche Probleme bequatscht – kostenfrei für die Krankenkasse. Deutlich intimer wird es, wenn Probleme südlich der Gürtellinie von Frau zu Frau besprochen werden müssen.

Darf man dem Ehemann Viagra zu Weihnachten schenken, oder würde ihn dies zu sehr düpieren? Oder der umgekehrte Fall: Eine sehr rundliche, wenig bewegliche, sicherlich exzellente Hausfrau mit zwei erst kürzlich eingesetzten, künstlichen Hüften konnte sich der Zuwendungswünsche ihres Ehegatten nicht mehr erwehren, wollte ihn aber auch nicht verletzen. Ein Ehepaar müsse ja nicht immer zeitgleich abends zu Bett gehen, erläuterte ihr dann eine meiner Damen. Ein Mann wisse dann schon, was er zu tun habe.

Schon beim nächsten Kontakt wandte sich die Patientin höchst vertraulich und sichtlich erleichtert an ihre Ratgeberin: Beim Herrichten der Bettwäsche habe sie jetzt sichere Indizien dafür gefunden, dass der Druck der ehemännlichen Fleischeslust ein adäquates Ventil zum Ausgleich gefunden habe.

Diese praxistäglichen Vignetten zeigen, dass viele Patienten und Patientinnen Anliegen haben, die sie gerne auf Augenhöhe mit "normalen" Menschen besprechen wollen, bei denen sie aber dennoch Fachkenntnisse außerhalb einer akademischen Expertise vermuten.

Fazit: Eine Hausarztpraxis kann viele Facetten haben. Zuvorderst sollte sie aber ihren Patienten das geben, was in unserer Gesellschaft inzwischen am kostbarsten geworden ist: einen Raum für Zeit und individuelle Zuwendung.


Dies meint Ihr Fritz Meyer, Allgemeinarzt


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (8) Seite 36