Im Rahmen der Veggie-Bewegung trifft der aufmerksame Hausarzt bisweilen auch auf auf den ersten Blick kurios anmutende Blüten.

Was bringt den alternden Hausarzt besser in Bewegung als ein Kurzurlaub im Reizklima des Unterallgäus. Diesem geriatrischen Imperativ folgend reiste ich deshalb mit meiner besseren Hälfte vor einigen Wochen nach Bad Wörishofen, wo Monsignore Sebastian Kneipp bis zum Ende des 19. Jahrhunderts segensreich gewirkt hat. Als Urvater einer gesunden, naturbezogenen Lebensweise wurde er zum Stichwortgeber der heutigen Veggie-Bewegung, der sich auch etliche meiner Patienten zugehörig fühlen. Zugegeben, der Umgang mit dieser Klientel ist nicht immer einfach.

So erinnere ich mich an eine meiner militantesten Veganerinnen, die sich hochschwanger und kalkweiß im Gesicht mit einer transfusionspflichtigen Anämie bei mir vorstellte. Da eine natürliche Niederkunft im Eigenheim geplant war, kam ich nicht umhin, ihr zumindest Eisentabletten zu empfehlen, da diätetische Maßnahmen kaum ausreichen würden. Nach anfänglichem Entsetzen, geduldigem Zureden und Rücksprache mit dem Apotheker wurden schließlich vegane, garantiert gelatinefreie Eisentabletten stirnrunzelnd akzeptiert.

Dass in Wörishofen die vegan-vegetarische Ernährungsweise kultiviert wird, ist vor dem medizinhistorischen Hintergrund verständlich. Nicht wenig überrascht war ich allerdings bei einem Bummel durch das Stadtzentrum, als in einer Schaufensterauslage für "Vegane Schuhe" geworben wurde. Waren solche Schuhe jetzt Teil einer veganen Esskultur geworden, so dachte ich und hatte spontan Charlie Chaplins "Goldrausch" vor Augen, in dem der ausgezehrte Tramp eine gekochte Schuhsohle stilgerecht mit Messer und Gabel verzehrt.

Doch mitnichten. Als fleischvertilgender Pantophage hatte ich leichtfertigerweise eine vegane Lebensweise ausschließlich mit dem Essverhalten verknüpft. Im Fachgeschäft wurde ich dann eines anderen belehrt: Vegan sei ein Lebensentwurf und deshalb müsse ein solcher Schuh ohne animalisches Produkt gefertigt sein, ohne Leder oder tierische Wolle. Ich war beeindruckt.

Da strikt vegane Gourmets aber auch schwache Momente haben können, gibt es das vegane Schuhwerk, wie ich in der Auslage eines Konditors feststellen konnte, tatsächlich auch in der von mir vermuteten Form: ganz aus Zucker und honigfreiem Marzipan, kalorisch eine Granate, aber unter veganem Blickwinkel absolut integer. Also ran an die veganen Treter!


Dies meint Ihr Fritz Meyer, Allgemeinarzt


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2018; 40 (15) Seite 107