Schon als Schüler haben mich die Forschungen des Augustinerpaters Gregor Mendel fasziniert, der seine Vererbungslehre mit einfachsten Mitteln und einer scharfen analytischen Beobachtungsgabe begründen konnte. In den Vorbereitungen zum Biologieabitur steckend, konnte ich solche Zusammenhänge als genetisches Erweckungserlebnis anhand der eigenen Familiengeschichte studieren.

Meine Mutter war nämlich eine engagierte Familienforscherin und so war es ihr unter anderem gelungen, in verstaubten Archiven ein Foto meines Urururgroßvaters väterlicherseits auszugraben. Gleich mir hatte dieser nicht nur einen eineiigen Zwillingsbruder, sondern auch eine auffallende, nicht zu bändigende Stirnhaartolle (Abbildung).

So fand die Vererbungslehre über mich auch ihren Weg in meinen Praxisalltag. In den bislang zweiunddreißig Jahren meines Hausarztdaseins fand ich es immer spannend, nicht nur Erkrankungen, Symptome oder äußerliche Merkmale zu analysieren, sondern auch deren Ausprägung in der Familienhistorie nachzuspüren.

Bei einer kürzlich durchgeführten Visite im Altenheim traf ich auf ein fröhlich alberndes Quartett: die 92-jährige Urgroßmutter mit der dazugehörigen, bereits berenteten, knapp siebzigjährigen Tochter, deren berufstätiger Tochter im besten Alter und der 21-jährigen Urenkelin. Und das Schönste: Trotz eines Altersunterschieds von sieben Jahrzehnten strahlten alle Frauen mit den gleichen Augen, hatten das gleiche Lachen, gestikulierten mit der gleichen Vitalität, waren eben aus einem Holz. Einer Fortsetzung dieser Linie im Sinne einer Ururenkelin steht jetzt nur noch das Studium der potenziellen Mutter im Wege, aber wer weiß?

Der Blick in die Ahnengalerie kann allerdings auch weniger erfreuliche Erkenntnisse zum Vorschein bringen. Als eine 34-jährige, gertenschlanke, zwar rauchende und bekennend unsportliche, aber dennoch gesund wirkende Patientin vor wenigen Monaten eine Durchuntersuchung wünschte, "damit ich weiß, wo ich stehe", wurden wir beide ziemlich überrascht. Laborchemisch überschritt das LDL-Cholesterin die oberste Alarmgrenze bei weitem.

Bei der Hinterfragung der Familiengeschichte musste die Patientin einräumen, dass mindestens neun Verwandte verschiedener Generationen, aber in direkter Linie, entweder schwer herzkrank, am Herzen operiert oder wegen eines Herzleidens verstorben waren. Vor dem Hintergrund dieser Familienretrospektive mussten Labor und Lebensstil der Patientin plötzlich ganz anders bewertet werden. So hat jahrzehntelang erlebte Familiengeschichte ihren Charme, kann aber auch individuelle gesundheitliche Perspektiven oder Lebensplanungen empfindlich stören.

Aber genau diese Erfahrungen geben der hausärztlichen (Familien-)Medizin ihren einzigartigen, generationenübergreifenden Behandlungs- und Beratungsauftrag.


Dies meint Ihr Fritz Meyer, Allgemeinarzt


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2019; 41 (4) Seite 85