Was Wilhelm Busch mit leichter Hand so treffend formulierte, kann man als Hausarzt immer öfter erleben. Ich meine damit die Klinikbriefe, die uns täglich in großer Zahl beglücken und in denen nicht selten die klare Information durch eine hausärztliche Deutungshypothese ersetzt werden muss. "Der Arztbrief ist die Visitenkarte einer Klinik" war die oberste Maxime meines ersten universitären Chefs. So mancher Arztbrief musste von uns Assistenzärzten mehrfach diktiert werden, bis er schließlich von A(namnese) bis (Z)usammenfassung schlüssig war. Dieser Grundsatz scheint heute nicht mehr zu gelten.

Erst kürzlich erhielt ich einen Brief, der in aufgeplustertem Fachchinesisch das eigene Nicht-mehr-weiter-Wissen fast greifbar machte. Bei einem schwer herzkranken jungen Patienten lavierte sich der Stationsarzt im Zickzack durch ein halbseitiges Resümee, das in den Worten gipfelte, dass das "weitere Procedere … ggf. Herztransplantation oder Implantation eines assist device im Sinne eines bridge to transplant Konzepts … ggf. Klappenrekonstruktion der Mitralklappe" angedacht sei. Wäre es da nicht ehrlicher gewesen, anstelle des denglischen Gewurstels kurz und knapp auf das noch offene kardiochirurgische Vorgehen hinzuweisen?

Manchmal könnten aus dem Geschriebenen aber auch völlig falsche Schlüsse gezogen werden. So erhielt ich aus einem eher invasiv agierenden Wirbelsäulenzentrum eine abschließende Beurteilung, nach der "sich derzeit kein Hinweis auf einen profitablen, operationswürdigen Befund" ergab. Ein Schelm, wer da fragt, für wen dieser Akt wohl profitabler sei. In einem augenärztlichen Befundbericht wurde mir über eine "occ. ultimus Situation" des Patienten berichtet. Die Abbreviation "occ." konnte ich trotz großen Latinums nicht zuordnen und im weltweiten Netz fand ich unter "occ" vom Ochsenfurter Carnevals Club bis zum Orden der beschuhten Karmeliter (Ordo Carmelitarum Calceatorum) mehr als ein Dutzend Angaben. Des Rätsels Lösung war dann ein simples "C" zu viel. Statt "occ." hätte es nur "oc." (für oculus, das Auge) heißen sollen und schon wäre klar gewesen, dass es um das einzige, noch sehende Auge des Betroffenen ging.

Gelegentlich werden in einem Arztbrief aber auch medizinische Weltsensationen unterschlagen. Als ich einmal einen kriegsversehrten Herrn mit hoher, einseitiger Oberschenkelamputation stationär einwies, erfuhr ich später im Entlassungsbrief, dass er mit Ödemen an beiden Beinen im Krankenhaus angekommen sei. Da muss ihm doch während der Fahrt ins Krankenhaus ein Bein direkt nachgewachsen sein. Nur gut, dass der Betroffene von diesem Brief nichts erfahren hat, denn immerhin erfüllt dieser als "Zufallsurkunde" das Merkmal der Beweisbestimmtheit im Sinne des § 267 StGB. Da hätte der Patient zum guten Schluss noch rechtswirksam auf seinem neuen Bein bestehen können.


Dies meint Ihr Fritz Meyer, Allgemeinarzt


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2019; 41 (10) Seite 81