Das Arbeitsjahr des bundesdeutschen Kassenarztes kennt keine Jahreszeiten. Arbeit und Freizeit, Gesundheit und Kranksein werden beim Hausarzt und seinen Patienten durch vier Quartale à drei Monate getaktet. In diesen Zeitfenstern spielt sich jede akute und chronische Krankheit ab, abseits vom natürlichen Verlauf, quasi in ein Korsett geschnürt. Das schafft Übersicht in der Gesundheitsbuchhaltung, aber auch ein ärgerliches, artifizielles Krankheitsbild: das Syndrom der administrativ verursachten Praxisverstopfung (Obstipatio administratione generata).

Das lateinische "Obstipatio" bedeutet so viel wie "Gedrängtsein" oder "Aufhäufung". Der Begriff Administration leitet sich von dem lateinischen Verb administrare ab und das heißt unter anderem so viel wie "hilfreich zur Seite stehen". Die Praxisverstopfung ist also ein Gedränge, das durch den hilfreichen Beistand der Bürokratie entsteht.

Das kann man nicht verstehen, das muss man erleben. Der Häufigkeitsgipfel ist wie eine vulkanische Eruption am Jahresbeginn oder situativ nach dem Praxis-urlaub, episodisch stets am Quartalsbeginn. In dieser Zeit ist die Atmosphäre am Praxistresen knisternd, spannungsgeladen, oft explosiv und immer gehetzt. Das Krankheitsbild erzeugt bei Ärzten und Patienten ein unangenehmes Völlegefühl im Sinne von "mir reicht es", was durchbruchartig zu impulsiven Gefühlsausbrüchen führen kann.

Dabei ist die Ursache dieses Phänomens schnell erklärt und hat etwas von bürokratisch induzierter, wirklichkeitsferner Realsatire an sich. Ein Beispiel: Herr H. besuchte zwei Wochen vor dem Ende des Quartals meine Sprechstunde, weil er immer wieder ein komisches Herzstechen verspürte.

Obwohl ich bei der körperlichen Untersuchung und im EKG keine Besonderheiten ausmachen konnte, empfahl ich die Vorstellung beim Kardiologen. Er bekam zwar einen Termin, aber erst am Anfang des nächsten Quartals, also heute und ergo braucht er auch sofort seine Überweisung, weil er in einer Stunde beim Kardiologen schon auf dem Ergometer sitzen sollte. Meine zuletzt ausgestellte Überweisung ist aber Makulatur und ohne einen aktuellen gelben Zettel wird er sofort wieder nach Hause geschickt. "Um dann wieder vier Monate zu warten, bis ich einen Termin bekomme."

Der heute ausgefertigte "Warenbegleitschein" wäre dann allerdings auch nicht mehr zu gebrauchen. Und das gilt für viele Vorgänge: Rezepte oder Physiotherapieverordnungen etwa, die zwei- bis dreimal nachgebessert werden müssen, bis endlich jedes Datum stimmt und jedes Kreuzchen am richtigen Fleck sitzt. Wo da die hilfreiche bürokratische Hand sein soll, erschließt sich dem gewöhnlichen Kassenarzt nicht. Das weiß nur der heilige Bürokratius, der Schutzpatron umständlicher Verwaltungsvorgänge.


Dies meint Ihr Fritz Meyer, Allgemeinarzt


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2019; 41 (6) Seite 85