Als Goethe seinem Dr. Faustus jene geflügelten Worte in den Mund legte, konnte er schwerlich ahnen, welche Vornamensschätze sich dereinst auf der Festplatte eines Praxiscomputers tummeln würden. Der eine oder andere Zuname kann dabei bemerkenswerte Assoziationen oder Erkenntnisse auslösen.

So denke ich gerne an eine sehr eigenwillige, hochbetagt verstorbene Patientin, die mir als die erste und einzige Trägerin des Namens Thusnelda begegnete. Ihren Namen hat sie nie gemocht, obwohl man der historischen, charakterstarken und heroischen Thusnelda damit bitter Unrecht tut. Ihr von Tacitus überlieferter Name war in der Zeit der nationalen Begeisterung deshalb sehr beliebt und noch im 19. Jahrhundert positiv besetzt. Im 20. Jahrhundert wurde Thusnelda zunächst zur Bezeichnung für nervige Ehefrauen und weibliche Dienstboten, ehe die Namenskurzform Tussi schließlich zum Sinnbild eines wenig schmeichelhaften Frauenbildes mutierte.

Eine meiner ältesten Patientinnen war ihrer Mutter zeitlebens wegen des ungebräuchlichen Vornamens Thyella gram, weil sich nicht einmal ein geschmeidiger Kosename daraus formen ließ. Außerdem ist der Name nur eingeweihten Kennern der christlichen Hagiographie als heilige Thyella oder der griechischen Mythologie als eine der Harpyien bekannt.

Nicht viel anders ging und geht es zwei (und wahrscheinlich den weiteren 34) Patienten meiner Datensammlung mit dem historisch belasteten Vornamen Adolf, der 1890 immerhin zu den häufigsten Babynamen gehörte und ab 1933 einen regelrechten Boom erfuhr. Unglücklicherweise wollte es das Schicksal bei dem einen, dass er auch noch am gleichen Tag Geburtstag hatte wie der berüchtigte Namenspatron.

Wirklich staunen musste ich auch, als vor einigen Jahren eine eher konservativ wirkende Dame mittleren Alters mit dem kess-frivolen Vornamen Lolita in mein Sprechzimmer trat. Ich frage mich, ob deren Eltern durch Nabokovs gleichnamigen Erotikroman inspiriert wurden, der im Geburtsjahr der Patientin eine weltweite Verbreitung fand. Und das wäre ja nicht außergewöhnlich: Stichwort Kevin. Der wurde in den Jahren vor 1990 nur viermal, nach dem gleichnamigen Filmerfolg aber 24-mal bei uns registriert. Neben diesen problematischen Vornamen gibt es aber auch erfreuliche Fälle. Als die etwa 4-jährige Tamina mit Ohrenschmerzen kam, war ich zunächst irritiert. Dann aber fand ich heraus, dass hier wohl Mozarts Tamino und Pamina zu Paten dieser Namensschöpfung wurden, die auf Afghanisch "Perle in der Muschel" bedeutet. Als ich dies beim nächsten Sprechstundentermin erzählte, strahlten Mutter und Tochter wie die Sonne. Wetten, dass sich darüber auch der Wolferl gefreut hätte?


Dies meint Ihr Fritz Meyer, Allgemeinarzt


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2018; 40 (4) Seite 78