"Wenngleich die Nas‘, ob spitz, ob platt, zwei Flügel, Nasenflügel, hat, so hält sie doch nicht viel vom Fliegen, das Laufen scheint ihr mehr zu liegen." So reimte der Unterhaltungskünstler Heinz Erhardt über eine der lästigsten Eigenschaften unseres Riech- und Klimatisierungsorgans.

Ob Keime, Allergene, Störungen des vegetativen oder hormonellen Systems ("Alterstropfnase") oder psychische Dysbalancen – die Nase kennt nur eine Antwort: sie läuft. In unserem Kulturkreis gibt es bei Laufnasen (angelsächsisch "runny nose") nur eine, gesellschaftlich akzeptierte Option: das Taschentuch. Ihm schrieb Eugen Roth die Therapiehoheit für eine laufende Nase zu: "Der bisher beste Heilversuch besteht aus einem saubern Tuch, zu wechseln un-ununterbrochen, im Lauf von etwa zwei, drei Wochen."

Allerdings sind die hygienischen Umstände eines mehrfach verwendeten Leinentaschentuchs nicht immer besonders appetitlich. Konkurrenz aus der Papierfabik gab es damals noch nicht. Erst Oskar Rosenfelder, Mitinhaber der Vereinigten Papierwerke Nürnberg, ließ im Herbst 1929 für das zuvor patentierte, in Pergamin verpackte Papiertaschentuch das Warenzeichen Tempo eintragen. In diesen 90 Jahren ist Tempo auch im allgemeinen Sprachgebrauch zu einem Synonym für den zellstoffhaltigen Tempobegrenzer laufender Nasen geworden.

Dabei kann das Papiertaschentuch in der ärztlichen Praxis noch deutlich mehr und deshalb habe ich in meinem Sprechzimmer immer eine Großpackung in Griffweite deponiert. Bei Patienten kommt es nämlich gut an, wenn man in der entsprechenden "Rotz-und-Wasser"-Situation, sei sie nun psychisch oder anderweitig verursacht, neben ärztlichem Sachverstand und einfühlsamer Gesprächsführung mit einem Papiertaschentuch in der genialen, originalen und einhändig nutzbaren Z-Faltung aufwarten kann.

Egal ob der Patient Zweihandschnäuzer (55,1 %), Mit-geschlossenem-Mund-Schnäuzer (37,2 %), Einhandschnäuzer (25,9 %), Ein-Nasenloch-Schnäuzer (19,3 %), vorsichtiger Abtupfer (12,2 %) oder gar ein brachialer Schnäuzbohrer (4,1 %) ist, spielt keine Rolle: das Papiertaschentuch wird seinem Auftrag gerecht (GfK 2009, Mehrfachnennungen möglich). Auch als Ersatzkompresse nach einem langen, die Vorräte des Hausbesuchskoffers auffressendem Besuchstag hat mir das eilig gereichte Papiertaschentuch eines Patienten nach einer Blutentnahme, bei Nasenbluten und selbst beim Notverband einer rupturierten Varize so manches Mal aus der Bredouille geholfen. Und nach Gebrauch wird der renommierte, aber nicht mehr verwendbare Helfer problemlos in der Restmülltonne entsorgt – sic transit gloria mundi!


Dies meint Ihr Fritz Meyer, Allgemeinarzt


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2019; 41 (18) Seite 102