Der Esel ist ein schlaues Tier. Und darum weigert er sich auch, kleinste Bäche zu durchqueren, weil er unter der reflektierenden Wasseroberfläche keinen Grund sieht. So baute man früher dem unentbehrlichen, aber sturen Helfer auf häufig begangenen Eselsrouten kleine Furten als Hilfsmittel in Wasserläufe ein – eben jene sprichwörtlich gewordenen Eselsbrücken. Für den Medizinstudenten sind sie nicht selten der Strohhalm, an den er sich klammert, wenn im Examen die Nerven flattern. Mit SOS (Schwindel, Ohrgeräusch, Schwerhörigkeit) kann er morgens um drei Uhr die Menière-Trias fehlerfrei herunterbeten, wenn er sich schlaflos in seinem IKEA-Bett wälzt und die Kreuzbänder (Intrakapsulär, aber ex-traartikulär) des Kniegelenkes memoriert.

Diese bewährte Mnemotechnik soll auch Patienten helfen, sich ihre Medikamentennamen besser einzuprägen. So lautete allen Ernstes zumindest der Vorschlag eines viel gelesenen, in Apotheken ausliegenden Patientenratgebers.

Um sperrige Namen wie den des Nasenwohlfühlmittels "Rhinodoron" im Kopf behalten zu können, sollte das Wort in seine Einzelteile zerpflückt und dann mit Bildern zu den Silben assoziiert werden. Bei Rhinodoron wäre das ein Rhinozeros (geniale Assoziation zur Nase) und eine dornige Rose (Bild der blutig roten, schmerzenden Nasenschleimhaut).

Im Praxisalltag kann das spannende Wortspiele auslösen und einer meiner Patienten, ein Autobastler mittleren Alters, hat mir da entscheidend weitergeholfen. Für sein Hochdruckmittel Caramlo verwendet er als Gedächtnisstütze den Markennamen Caramba, jenen legendären Rostlöser, der bundesweit den meisten Hobbyschraubern bestens bekannt ist. Käme dann noch Ramipril dazu, wäre die Eselsbrücke "Mit Caramba (Caramlo) ran im April (Ramipril)" eigentlich perfekt und sinnig, denn spätestens im Frühjahr muss der fahrbare Untersatz bekanntermaßen einsatzklar gemacht werden.

Doch leider hat dieses Wortspiel den entscheidenden Schönheitsfehler, dass ein Sartan (im Caramlo) und ein ACE-Hemmer (Ramipril) im echten Leben nicht kombiniert werden sollten. Nicht immer also passt ein perfekter Merkvers zur Therapie oder umgekehrt. Einen deutlich höheren Schmunzelfaktor hat da die Gedächtnishilfe eines anderen Patienten, der unter wiederholten Nasennebenhöhlenentzündungen leidet und dann mit einem Cefuroximpräparat am besten klarkommt. Betritt er mit dem bayerischen Universalfluch "Zefix" mein Sprechzimmer, weiß ich, was die Uhr geschlagen hat: Zeit für Cefuroxim. Das klingt lustig und mag bei einem einzelnen Medikamentennamen gelegentlich auch funktionieren. Tatsächlich gibt es aber wenige Senioren, die sich sämtliche Namen ihrer Medikamente wirklich merken können. Sinnvoller wäre es, wenn die Betroffenen ihre jahrelang gewohnten und im Langzeitgedächtnis verankerten Tabletten in der Apotheke erhalten würden. Stattdessen stehen sie, dank Verwirrung stiftender Rabattverträge, regelmäßig mit fragend-ratlosem Gesicht und einer immer wieder neuen Medikamentenpackung in unserem Sprechzimmer. Auch geschmeidig formulierte Eselsbrücken sind da keine Hilfe.



Das meint Ihr Fritz Meyer, Allgemeinarzt


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2018; 40 (6) Seite 84